Ein Drache zu Weihnachten – Gastgeschichte

Eine Weihnachtsgeschichte über Freundschaft und Toleranz

Kurz vor Weihnachten im Spielzeugladen: Das teure Designerpüppchen „Modell Matrose“ fühlt sich zum großen, bunten Stoffdrachen Ghraa hingezogen. Die anderen Püppchen sind entsetzt, scheint das billige Kinderspielzeug doch so gar nicht zu der teuren Handarbeit zu passen. Doch Matrosenpüppchen schlägt alle Warnungen in den Wind. Fest entschlossen macht es sich auf den weiten und gefährlichen Weg zu Ghraa – quer durch den Spielzeugladen… Eine Geschichte über Freundschaft und Toleranz für jedes Alter.

Heute ist es geschehen. Ich habe mich verliebt. Er ist so groß und stark und bunt und hat die größten und schönsten braunen Augen der Welt. Dummerweise ist sitzt er auf dem Regal am anderen Ende des Ladens. Vermutlich hat er mich nicht einmal bemerkt – ich bin nicht gerade groß und befinde mich dazu in einer Glasvitrine hinter der Kasse.

Dafür haben die anderen es mitbekommen.
„Was schaust du immer so verträumt nach da hinten?“ fragte Pinkes Hütchen inquisitorisch
„Vielleicht hat sie sich in den Affen verknallt“, warf Weißes Häubchen spöttisch ein.
Da habe ich es ihnen gesagt.
Natürlich können sie es nicht verstehen.
„Er ist ein Drache und du bist ein Püppchen im Matrosenoutfit.“
„Er ist so hässlich.“
„Ihr habt so überhaupt nichts gemeinsam. Worüber wollt ihr euch unterhalten? Kann er überhaupt sprechen?“
„In unserem Inneren steckt die gleiche Baumwolle“, wende ich energisch ein.
„Er ist schon so lange da und keiner will ihn haben“, erwidert Pinkes Hütchen triumphierend.
„Das stimmt nicht“, verteidige ich meinen Drachen. „Die Kinder lieben ihn. Nur den Eltern ist er immer zu groß und zu bunt. Außerdem sind wir auch Ladenhüter. Wann wurde zuletzt eine von uns verkauft? Wir sind einfach zu teuer. Kein Kinderspielzeug.“
„Wir sind eben etwas Besonderes“, schnappt Blaues Hütchen. „Deswegen stehen wir hier in der Vitrine und die Stofftiere müssen alle zusammen dahinten im Regal kuscheln. Igitt.“ Angeekelt verzieht sie ihre spitze Nase.
„Vielleicht wird er dich fressen. Ist ja schließlich ein Drache“, verkündet Weißes Häubchen.
Und wenn schon. Was wäre das Leben ohne ihn? Etwas weniger Romeo und Julia wäre mir allerdings auch lieber gewesen.
Langsam wird es dunkel. Beate, die Verkäuferin, macht den Kassenabschluss und geht nach Hause. Der Spielzeugladen erwacht. Schon bald kann ich die Stofftiere kichern und lachen hören. Die haben wenigstens ihren Spaß. Im Gegensatz zu uns. Es ist es verdammt langweilig in der Vitrine. Da fasse ich einen Entschluss. Man lebt nur einmal. Was, wenn mein Drache verkauft wird? Ohne, dass wir je miteinander gesprochen haben? Beherzt trete ich an das Glas der Vitrine heran und beginne, zu schieben. Es ist verdammt anstrengend. Natürlich haben die anderen Püppchen es gemerkt. Und lästern.
„Das schaffst du eh nicht. Dafür bist du viel zu klein.“
„Du wirst dir sowieso nur den Hals brechen.“
„Und das alles für ein Ungeheuer.“
Ihre Worte machen mich wütend. Ich werfe mich mit meinem vollen Körpergewicht gegen das Glas – die Tür öffnet sich. Doch zu plötzlich. Und ich habe zu viel Schwung. Meine Hände rutschen am Glas ab, ich falle nach vorne – und stürze in den Abgrund . Alles wird schwarz.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich im breiten, tiefen Graben zwischen Glasvitrine und Kassentheke. Von weit oben höre ich die zarten Stimmchen der anderen Püppchen.
„Das hat sie nun davon.“
„Wir haben es ihr ja gesagt.“
Ich rapple mich auf und winke nach oben. „Alles in Ordnung“, rufe ich, so laut ich kann.
Die Stimmen der Püppchen werden leiser – ich mache mich auf den Weg um den Kassentisch herum. Da ist das Regal mit den Plüschtieren. Ich muss schlucken. Von hier unten sieht es viel weiter aus als von oben. Es wird ewig dauern, bis ich dort angekommen bin. Doch nun bin ich einmal hier, ich muss es zumindest versuchen.
Ich mache mich auf den Weg. Da sehe ich eine riesige Gestalt, die an der Ladentür hantiert. Oh nein – Martha, die Putzfrau! Ich renne so schnell ich kann zurück zum Kassentisch, presse mich dagegen und wage nicht zu atmen. Was, wenn sie mich sieht? Dann wird sie mich sicher zurück in die Glasvitrine setzen. Dann wäre alles umsonst!
Martha kommt herein. Die Tür klingelt dabei bedrohlich. Martha brummelt vor sich hin, wie sie es immer tut, stapft keine zwei Meter an mir vorbei und reißt die Tür zum Gang auf. Ich weiß nicht, was sich dort befindet – nur, dass Beate die Verkäuferin immer wieder dort verschwindet. Meistens kommt sie dann mit nassen Händen zurück, manchmal auch mit Kisten voller neuer Stofftiere oder Autos.
Ich höre, wie Martha im Gang rumort. Auch Wasser höre ich fließen. Ich weiß, dass ich mich nicht zu lange hier aufhalten kann. Irgendwann wird sie mich entdecken. Also sprinte ich los, so schnell ich kann, über den Flur auf das Spielzeugautoregal zu. Dabei verfluche ich meine kleinen Beinchen.
Über mir höre ich entsetzte Aufschreie der anderen Püppchen. Im Gang fällt etwas Scheppernd zu Boden. Martha brummelt etwas. Ich laufe weiter. Nicht beirren lassen, denke ich. Da höre ich es. Die gewaltigen, bebenden Schritte von Martha, die immer näher kommen. Nein, denke ich, nein! Und laufe, so schnell ich kann.
Die Schritte werden immer lauter. Da ist das Regal. Ich schaffe es! Mit einem Hechtsprung flüchte ich mich darunter – keinen Moment zu spät. Beinahe hätte mich einer der schweren Schuhe von Martha erwischt. Keuchend bleibe ich unter dem Regal liegen. Als ich wieder atmen kann, kommt eine neue Gefahr auf mich zu: Marthas Wischmop! Ich verstecke mich hinter einem der Regalfüße und halte mich daran fest. Die grauen, nassen Tentakeln des Wischmops streifen mich, reißen mich fast hinfort. Doch nur fast. Das Ungeheuer verschwindet. Ich sinke völlig erschöpft in mich zusammen. Martha wischt und putzt endlos in dem Laden herum. Endlich ist sie fertig, packt ihren Mop weg und geht.
Ich wage mich wieder aus meinem Versteck. Das Plüschtierregal ist endlos weit entfernt. Das schaffe ich nie in dieser Nacht. Mutlos setze ich mich auf den Boden.
Währenddessen ist wieder Leben in die Spielzeuge gekommen. Ich höre die Püppchen zischeln, die Plüschtiere lachen. Sogar das Summen der Flugzeuge hoch über mir kann ich hören. Und das Gebrumm der Spielzeugautos, die mit lautem Karacho quer durch den Raum flitzen.
„Tuut Tuuuut!“, macht es neben mir. Ich zucke erschrocken zusammen. Da steht ein gelber LKW.
„Hübsches Fräulein, kann ich dich mitnehmen?“ fragt mich der Fahrer, ein Plastikpüppchen mit Löchern im Gesicht statt Augen. Er ist mir ein bisschen unheimlich. Aber das ist DIE Gelegenheit.
„Ich möchte da hin“, sage ich und deute auf das Plüschtierregal.
„Na, dann steig ein!“ grinst der Fahrer.
Ich atme tief durch und quetsche dann meine Füße mit Müh und Not auf den Beifahrersitz. Oberkörper und Kopf ragen aus dem Fenster. Für die ist einfach kein Platz.
„Brum Bruuuum!“ Los geht es. Meine Haare flattern im Wind. Gut, dass mein weißes Matrosenhütchen angeklebt ist, sonst hätte ich es mit Sicherheit verloren.
Es dauert gar nicht so lange, da sind wir vor dem Regal angekommen. Ich hebe den Kopf in den Nacken und blicke nach oben. Mein dramatischer Auftritt ist nicht unbemerkt geblieben. Hunderte Augen starren auf mich herunter.
Auch mein Drache.
„Ich möchte mit dir sprechen“, sage ich. Die Plüschtiere sehen sich erstaunt an.
„Mit mir? KongKing?“ fragt ein großer schwarzer Affe sichtlich geschmeichelt.
„Nein, mit ihm.“ Ich deute auf den Drachen.
„Ghraaa?“ Das Ungeheuer blickt mit großen Augen zu mir hinunter.
„Was willst du denn mit dem?“ fragt der Affe überrascht.
„Ghraaa“, sage ich. Und der Drache spreizt seine Flügel, macht einen Schritt nach vorne – und plumpst neben mich auf den Boden. Einen Moment schüttelt er sich benommen.
„Ghraa“, kräht er dann fröhlich und stupst mich mit seiner Schnauze. Ich werde umgeworfen und lande auf dem Rücken. Und seine gewaltige rosa Zunge schwappt einmal quer über mein Gesicht.
Ich rapple mich vorsichtig auf, während der Drache wie ein überdimensioniertes Hündchen um mich herumscharwenzelt, mich beschnuppert und dabei immer wieder aufgeregte Laute ausstößt. Ich tätschle behutsam seine Nüstern, da wirft er sich auf den Rücken und streckt die Beine in die Luft. Die Nacht vergeht wie im Flug. Wir spielen Fangen und Verstecken, wir tanzen und wir kuscheln. So habe ich mir das Paradies immer vorgestellt.
Dann beginnt es zu dämmern.
„Was nun?“ frage ich Ghraa erschrocken.
Er packt mich mit seinem Maul, blickt nach oben und beginnt, mit den Flügeln zu schlagen. Doch sie sind viel zu klein, um seinen gewaltigen Körper nach oben zu befördern. Nach mehreren vergeblichen Versuchen krabbelt er mit seinen kleinen Klauen in die unterste Etage des Regals zu den Stoffhausschuhen. Ich kuschle mich in sein Fell.
Zwei Stunden später kommt Beate herein. Sie trällert ein fröhliches Liedchen und wurschtelt mit den Papieren auf ihrem Schreibtisch.
„Juhuuu!“, bricht es plötzlich aus ihr heraus. „Endlich!“ Dabei hat sie einen Zettel vom Belegdrucker in der Hand. Ich weiß, was das bedeutet. Vorbestellungen aus dem Onlineshop. Mit Entsetzen sehe ich, wie sie sich fröhlich zur Glasvitrine umwendet, die noch ein Stück offen steht. „Mit dem lustigen Matrosenhütchen“, sagte Beate laut dazu. Und starrt in die Vitrine. „Wo ist es denn? Hab ich es denn schon rausgenommen?“ Verwirrt blickt sie auf die Kassentheke.
Ich krampfe meine Hand um Ghraas Pfote.
„Ghraaa?“ macht er besorgt und pustet mir ins Gesicht.
„Das bin ich“, flüstere ich entsetzt. Und deute auf das Matrosenhütchen auf meinem Kopf. „Sie sucht mich!“ Und dann vergrabe ich meinen Kopf in Ghraas weichem, plüschigen Fell. Es hätte alles so schön sein können.
Beate sucht währenddessen hektisch den Kassenbereich nach mir ab und blickt dazu immer wieder in die Theke.
„Aber das wüsste ich doch!“, stammelt sie dazu. „Ich hab es nicht verkauft. Das Püppchen kann nicht weg sein! Zweihundertfünfzig Euro! Einfach futsch. Martha…?“ Sie lässt die Frage unbeantwortet im Raum stehen.
Denn in dem Moment geht die Türglocke – der erste Kunde für heute. Den ganzen Tag ist viel los. Frohe Weihnachten, sagt Beate. Doch richtig glücklich sieht sie dabei nicht aus. Ein kleiner, blonder Junge zieht Ghraa aus dem Regal. „Den will ich!“ ruft er freudestrahlend. Ich kann mich mit Müh und Not an meinen Drachen klammern.
„Aber der ist doch nicht schön“, erwidert der Vater, ein großer Kerl mit schwarzen Haaren und dicker Hornbrille. Er packt Ghraa und setzt ihn auf das Regal – ganz nach oben. Zum Glück erwische ich Ghraas Flügel und kann mich daran festhalten. Der kleine Junge starrt traurig zu uns hinauf. Immerhin sind wir hier oben den ganzen Tag vor weiteren Überraschungen sicher.
Am Abend sieht Beate sichtlich erschöpft aus. Sie blickt sich um und seufzt. Dann beginnt sie damit, Bücher ins Regal zurückzustellen. Die Spielzeugautos aufzuräumen. Die Plüschtiere ordentlich neben einander zu setzen.
Da bleibt ihr Blick an Ghraa hängen. „Was machst du denn da oben?“ fragt sie und schüttelt den Kopf. Mit Entsetzen muss ich zusehen, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellt. Mit ihren Fingern erwischt sie gerade noch Ghraas Flügel. Ich kralle mich verzweifelt in seinem Fell fest. Doch die Schwerkraft ist gegen mich. Beate zieht Ghraa mit Schwung nach unten. Ich kann mich nicht mehr halten und stürze zu Boden. Direkt vor Beates Füße.
„Da bist du ja!“ ruft sie höchst erstaunt. Dann legt sie Ghraa achtlos in das Regal zu den anderen Plüschtieren, packt mich und trägt mich zur Kasse.
„Ghraaa!“ höre ich sein verzweifeltes Rufen. Zu spät.
Beate stellt mich auf die Kassentheke und pfeift fröhlich dazu. Auf dem Tisch neben uns setzt sich die Druckermaschine mit einem Höllengetöse in Bewegung. Wenig später liegen die Papiere Rechnung und Lieferschein neben mir. „Püppchen mit Matrosenhütchen. 250 €“, steht darauf. Warum kann ich keine der Plastikratten für 3 € sein. Oder ein Stoffigel für 5 €? Den Verlust hätte sie sicher nicht bemerkt.
Währenddessen öffnet Beate den Schrank. „Wo hab ich denn….“, murmelt sie. Dann schüttelt sie den Kopf und verschwindet in den Gang. Ich blicke verzweifelt zu den anderen Püppchen hinauf. Weißes Häubchen zuckt die Schultern, Pinkes Hütchen fuchtelt wild mit den Armen, Blaues Hütchen mustert mich spöttisch.
Da ist Beate wieder zurück – mit einer weißen Schachtel und einem großen, braunen Karton. Sie wickelt mich in ein warmes, weiches Stück Stoff, legt mich in die weiße Schachtel und senkt den Deckel über mich. Ich kann nichts mehr sehen und nichts mehr hören. Jetzt ist es passiert. Jetzt werde ich verkauft. Gerade jetzt, wo ich Ghraa gerade erst kennenlernen durfte. So ist das Leben. Grausam und ungerecht. Es tut wirklich weh. Wo es mich nun wohl hinverschlagen wird? Die drei Püppchen, die verkauft wurden, seit ich da bin, waren für ältere Damen bestimmt. Immerhin werden sie mich gut behandeln. Ich bin ja schließlich teuer. Aber was hilft das schon. Ohne Ghraa…

 

Ich weiß nicht, wie lange ich so daliege. Doch plötzlich spüre ich, wie sich die Schachtel bewegt. „Zieh!“ höre ich eine Stimme rufen. Das ist doch Pinkes Hütchen! Wenig später wird der Deckel gelüftet – und da stehen tatsächlich Pinkes Hütchen und Ghraa und blicken besorgt auf mich herunter.
„Alles in Ordnung?“ fragt Pinkes Hütchen.
„Ghraaaaa!“ quietscht Ghraa und peitscht glücklich seinen Schwanz über die Theke.
Ich rapple mich auf und falle beiden freudestrahlend um den Hals. Dann fällt mir ein, in welcher Lage ich mich befinde. „Was jetzt?“ frage ich beklommen.
„Jetzt gib mir deine Klamotten“, erwidert Pinkes Hütchen fröhlich. „Ich werde mich für dich auf den Weg machen. Dann kannst du bei deinem Ghraa bleiben.“
Ich bin gerührt. Schnell ziehe ich meinen Matrosenanzug aus und schlüpfe in das Kleid von Pinkes Hütchen. Unsere Kopfbedeckungen machen mehr Probleme – sie sind festgeklebt. Schließlich ist es Ghraa, der uns mit einem heftigen Ruck Hütchen und Haar gleichzeitig vom Kopf reißt. Gut, dass Beate eine kleine Tube mit Sekundenkleber auf ihrem Tisch liegen hat. So sehen wir bald wieder aus wie neu. So ungefähr jedenfalls.
„Was, wenn jemand Pinkes Hütchen kaufen will?“ frage ich das ehemalige Pinke Hütchen.
„Wir müssen das in der Kasse einstellen“, sagt das neue Matrosenpüppchen.
Gesagt, getan. Ghraa schiebt die Computermaus zur Seite – der Monitor leuchtet hell über uns auf. Passwort, steht da. Das kenne ich. Schließlich habe ich Beate schon oft genug dabei zugesehen, wie sie es eingegeben hat.
Ghraa nimmt mich vorsichtig in sein Maul und drückt mich mit den Füßen voran auf die jeweilige Taste. Ich mache mich ganz steif und gebe alles, um die jeweilige Taste auch wirklich zu treffen.
„Louisa1210“, tippen wir mit vereinten Kräften. Der Bildschirm will hell. Hurra.
Ghraa ist es auch, der auf unsere Kommandos die Maus herumschiebt und mit mir auf den Button x.COMGate klickt. Die Software öffnet sich. Und jetzt?
„Differenzbuchung!“ rufe ich. Ohne zu wissen, was das genau sein soll.
„Nein, wir müssen dich auf das Sperrlager buchen!“ ruft Matrosenpüppchen. „Du bist schließlich nicht mehr verkäuflich. Aber wo stellt man das ein? Wenn wir nur besser aufgepasst hätten, was Beate da immer im System macht…“
„Artikelverwaltung!“ schlage ich vor.
Wir statten erst dem Bereich Kundenverwaltung und dann dem Einkauf einen Besuch ab, ohne fündig zu werden. Unter „Lager“ haben wir dann den ersten Erfolg. „Artikel“, steht da. Wir suchen nach „Püppchen Handarbeit“, weil das auf unseren Preisschildern steht. Tatsächlich gibt es einen gleichnamigen Artikel. Bestand: 10 Stück. Aber das sieht nicht so wie die Maske zur Differenzbuchung aus.
„Im Menü!“ ruft Matrosenpüppchen.
Da steht es dann. Differenzbuchung. Nach fünf Minuten haben wir es geschafft: Püppchen Handarbeit. Bestand: 9 Stück.
„Es ist soweit“, verkündet Matrosenpüppchen. „Du bist frei.“ Mit diesen Worten tritt sie zu mir und reißt den Zettel mit der Aufschrift „ Püppchen Handarbeit 250 €“ von meinem Rücken.
„Hurrah!“ Kein Stück Papier mehr, das mich behindert und mich zu einer Ware macht! Übermütig tollen wir zu dritt über den Tisch. Die Püppchen in der Vitrine schütteln missbilligend ihre Locken.
„Ghraa“, macht Ghraa irgendwann und deutet erschrocken auf die Computeruhr. Es ist schon sieben!
„Steckt mich in die Kiste!“, ruft Matrosenpüppchen hastig. „Und dann seht zu, dass ihr verschwindet.“
Ich umarme sie und dann helfen wir ihr in die weiße Schachtel. Ghraa hebt diese vorsichtig in den weißen Karton. Mit vereinten Kräften gelingt es uns, den Karton zu schließen. Geschafft.
Ghraa packt mich und springt in weiten Sätzen durch den Laden zum Plüschtierregal.
„Endlich! Wurde auch Zeit!“ knurrt KongKing der Gorilla und hilft Ghraa auf das Regal. Ich verstecke mich hinter ihm.
Keine fünf Minuten später kommt Beate zur Tür hereingeschnauft. Sie bringt den Karton mit Matrosenpüppchen weg, setzt sich an den Rechner und beginnt, zu tippen. Ghraa und ich entspannen uns. Wir sind vorerst in Sicherheit.

 

Dann öffnet der Laden. Horden von Erwachsenen stürmen herein. Darunter ein großer Kerl mit schwarzen Haaren und Hornbrille. Habe ich den nicht schon einmal gesehen? Suchend blickt er sich um – dann fällt sein Blick auf Ghraa. „Da bist du ja!“ ruft er. „Mein Kleiner redet von nichts anderem. Hilf wohl nichts – dann bist du eben sein Weihnachtsgeschenk.“
Und er greift nach meinem Drachen. Was soll ich tun? Wenn er Ghraa und mich zur Kasse bringt, ist die Gefahr groß, dass Beate mich bemerkt.
„Ghraa!“ macht Ghraa verzweifelt.
„Ich komme nach“, flüstere ich und verstecke mich hinter KongKing.
Ghraa wird zur Kasse getragen.
„Ich gehe zur Tür und versuche, den Großen da abzupassen“, flüstere ich.
„Mach’s gut!“, wispert der Gorilla. Ich nicke ihm zu und klettere auf der Rückseite des Regals nach unten. Schnell bin ich auf dem Fußboden. Ich krieche unter dem Regal durch und renne dicht daneben zur Tür. Es ist unglaublich weit. Der Mann mit der Brille steht schon an der Kasse. Ich sehe Ghraas buntes Plüschfell durch die Menschen hindurch. Ich werde es nicht schaffen.
Neben mir quietscht plötzlich eine ältere Dame auf! „Ihh! Eine Maus!“
Erschrocken zwänge ich mich unter das Regal.
„Da war eine Maus!“ ruft die Dame. „Sie ist unter das Regal geschlüpft!“ Um Gottes Willen. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich krieche langsam unter dem Regal weiter Richtung Tür.
„Unsinn. Hier gibt es keine Mäuse.“ Das ist Beates Stimme – und sie klingt genervt. Ist etwa Ghraa schon weg? Ich renne auf der Rückseite des Regals weiter, bis es nicht mehr geht – und komme neben der Tür hinaus. Die ältere Dame steht noch immer da, wo ich verschwunden war und murmelt etwas.
In dem Moment drückt Beate dem Mann mit der dicken Brille eine große Plastiktüte in die Hand und wünscht „Frohe Weihnachten“. Der Brillenträger antwortet mit denselbsen Worten. Dann dreht er sich um – und kommt mit großen Schritten auf mich zu. Einen Moment muss er stehenbleiben, um die Tür zu öffnen. Das ist die Gelegenheit! Ich laufe so schnell ich kann auf ihn zu – und erwische im letzten Moment sein Hosenbein. Zum Glück kann ich mich daran festhalten, während er zu seinem Auto eilt. Achtlos patscht er durch die großen Pfützen auf dem Parkplatz. Schnell bin ich völlig durchweicht. Doch wir erreichen gemeinsam sein Auto. Er steigt ein. Ich lasse sein Hosenbein los und klettere so schnell ich kann am Fahrersitz vorbei nach hinten. Auf dem Rücksitz steckt Ghraa in einer großen Plastiktüte. Das ist ein Wiedersehen! Wir lachen und weinen gleichzeitig. Mein Drache pustet mich trocken. Ich kuschle mich unter seinen Flügel.
Da hält der Wagen des Brillenträgers auch schon wieder an. Der Mann stürmt nach draußen und lässt uns auf dem Rücksitz liegen. Endlich haben Ghraa und ich Zeit für uns. Wir genießen die Momente der Ruhe in vollen Zügen.
Irgendwann kommt der Brillenträger wieder und schnappt sich die Tüte. Er trägt uns eine zeitlang herum und dann – plötzlich und unerwartet – purzeln Ghraa und ich auf eine große weiche Fläche. Ich habe keine Zeit mehr, mich irgendwo festzuhalten. Zum Glück landet mein Drache wieder einmal auf mir.
„Der ist wirklich groß!“ höre ich eine Frauenstimme lachen. „Und bunt. Du hast nicht zu viel versprochen.“
„Timmy liebt ihn so sehr…“ Der Mann hebt Ghraa hoch. Ich bin nicht schnell genug, und bleibe liegen. Helles Licht blendet mich. Da werde ich auch schon gepackt.
„Was ist das denn?“ fragt die Frau erstaunt. „Hast du das auch gekauft?“
„Nein!“ Der Mann hebt mich direkt vor seine spiegelnde Brille. „Hat nicht Laura uns einmal so ein Püppchen geschenkt?“
„Doch, ich glaube schon… Vermutlich ist es Timmy in die Hände gefallen. Naja. Warum soll er nicht damit spielen?“
„Wenn ich mich richtig erinnere, handelt es sich um ein teures Sammlerstück.“
„Aber bei uns steht es sowieso nur im Schrank… Was soll’s.“
Ich werde wieder hingelegt. Die Frau packt Ghraa und wickelt ihn in buntes Papier ein. Dann steckt sie ihn in einen Schrank. Der Mann trägt mich vorsichtig in ein Zimmer voller Spielzeuge. Es ist unglaublich vollgestopft. Da setzt er mich in ein Regal. Von hier aus habe ich gute Sicht. In einem Bett schläft ein kleiner, blonder Junge. Der Mann küsst ihn sanft auf die Stirn und geht nach draußen.
Ich fühle mich allein, ohne Ghraa. Doch nicht für lange. Denn ähnlich wie im Spielzeugladen beginnen sich die Stofftiere und Autos zu bewegen.
„Hallo! Kommst du nicht aus dem Wohnzimmer?“ fragt mich ein Teddybär mit nur einem Auge überrascht. Er sitzt neben mir und baumelt mit den Beinen.
„Ich komme von – weit her“, antworte ich. Und erzähle ihm von der weiten Reise.
Die anderen Stofftiere schließen zu uns auf und hören interessiert zu. „Ich muss zu Ghraa“, sage ich schließlich. „Sie halten ihn in einem Schrank gefangen, gefesselt mit buntem Papier.“
Die Spielzeuge lächeln mich freundlich an. „Keine Sorge“, meint der Teddy. „Morgen ist Heilig Abend. Da bekommt Timmy ihn geschenkt. Und dann sehr ihr euch wieder. Ganz bestimmt!“
Die anderen Spielzeuge nicken eifrig dazu. Ein Teil von ihnen hat Erfahrung mit dem Pronzip, da sie selbst als Weihnachtsgeschenke Einzug in Timmys Zimmer gefunden haben.
Am nächsten Abend – die große Wanduhr mit den Flugzeugen zeigt acht Uhr – kommt Timmy. In seinen Armen hält er Ghraa. Er will meinen Drachen nicht loslassen – weder, als seine Mutter versucht, ihm den Pyjama anzuziehen noch als sie ihn zum Zähneputzen überreden will. Und ich stelle fest – Timmy liebt Ghraa mindestens so sehr wie ich Ghraa liebe. Und das macht mich wirklich froh.
Ghraa und ich – wir haben ein Zuhause gefunden. Und wir sind zusammen. Was kann man sich an Weihnachten mehr wünschen?

Über die Autorin

Miriam Malik schreibt vor allem Thriller, aber auch Kurzgeschichten wie diese. Kontakt: autorin @ miriam-malik.de

Webseite: miriam-malik.de