Ein Drache zu Weihnachten

Eine Weihnachtsgeschichte über Freundschaft und Toleranz

Kurz vor Weihnachten im Spielzeugladen: Das teure Designerpüppchen „Modell Matrose“ fühlt sich zum großen, bunten Stoffdrachen Ghraa hingezogen. Die anderen Püppchen sind entsetzt, scheint das billige Kinderspielzeug doch so gar nicht zu der teuren Handarbeit zu passen. Doch Matrosenpüppchen schlägt alle Warnungen in den Wind. Fest entschlossen macht es sich auf den weiten und gefährlichen Weg zu Ghraa – quer durch den Spielzeugladen… Eine Geschichte über Freundschaft und Toleranz für jedes Alter.

Heute ist es geschehen. Ich habe mich verliebt. Er ist so groß und stark und bunt und hat die größten und schönsten braunen Augen der Welt. Dummerweise ist sitzt er auf dem Regal am anderen Ende des Ladens. Vermutlich hat er mich nicht einmal bemerkt – ich bin nicht gerade groß und befinde mich dazu in einer Glasvitrine hinter der Kasse.

Dafür haben die anderen es mitbekommen.
„Was schaust du immer so verträumt nach da hinten?“ fragte Pinkes Hütchen inquisitorisch
„Vielleicht hat sie sich in den Affen verknallt“, warf Weißes Häubchen spöttisch ein.
Da habe ich es ihnen gesagt.
Natürlich können sie es nicht verstehen.
„Er ist ein Drache und du bist ein Püppchen im Matrosenoutfit.“
„Er ist so hässlich.“
„Ihr habt so überhaupt nichts gemeinsam. Worüber wollt ihr euch unterhalten? Kann er überhaupt sprechen?“
„In unserem Inneren steckt die gleiche Baumwolle“, wende ich energisch ein.
„Er ist schon so lange da und keiner will ihn haben“, erwidert Pinkes Hütchen triumphierend.
„Das stimmt nicht“, verteidige ich meinen Drachen. „Die Kinder lieben ihn. Nur den Eltern ist er immer zu groß und zu bunt. Außerdem sind wir auch Ladenhüter. Wann wurde zuletzt eine von uns verkauft? Wir sind einfach zu teuer. Kein Kinderspielzeug.“
„Wir sind eben etwas Besonderes“, schnappt Blaues Hütchen. „Deswegen stehen wir hier in der Vitrine und die Stofftiere müssen alle zusammen dahinten im Regal kuscheln. Igitt.“ Angeekelt verzieht sie ihre spitze Nase.
„Vielleicht wird er dich fressen. Ist ja schließlich ein Drache“, verkündet Weißes Häubchen.
Und wenn schon. Was wäre das Leben ohne ihn? Etwas weniger Romeo und Julia wäre mir allerdings auch lieber gewesen.
Langsam wird es dunkel. Beate, die Verkäuferin, macht den Kassenabschluss und geht nach Hause. Der Spielzeugladen erwacht. Schon bald kann ich die Stofftiere kichern und lachen hören. Die haben wenigstens ihren Spaß. Im Gegensatz zu uns. Es ist es verdammt langweilig in der Vitrine. Da fasse ich einen Entschluss. Man lebt nur einmal. Was, wenn mein Drache verkauft wird? Ohne, dass wir je miteinander gesprochen haben? Beherzt trete ich an das Glas der Vitrine heran und beginne, zu schieben. Es ist verdammt anstrengend. Natürlich haben die anderen Püppchen es gemerkt. Und lästern.
„Das schaffst du eh nicht. Dafür bist du viel zu klein.“
„Du wirst dir sowieso nur den Hals brechen.“
„Und das alles für ein Ungeheuer.“
Ihre Worte machen mich wütend. Ich werfe mich mit meinem vollen Körpergewicht gegen das Glas – die Tür öffnet sich. Doch zu plötzlich. Und ich habe zu viel Schwung. Meine Hände rutschen am Glas ab, ich falle nach vorne – und stürze in den Abgrund . Alles wird schwarz.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich im breiten, tiefen Graben zwischen Glasvitrine und Kassentheke. Von weit oben höre ich die zarten Stimmchen der anderen Püppchen.
„Das hat sie nun davon.“
„Wir haben es ihr ja gesagt.“
Ich rapple mich auf und winke nach oben. „Alles in Ordnung“, rufe ich, so laut ich kann.
Die Stimmen der Püppchen werden leiser – ich mache mich auf den Weg um den Kassentisch herum. Da ist das Regal mit den Plüschtieren. Ich muss schlucken. Von hier unten sieht es viel weiter aus als von oben. Es wird ewig dauern, bis ich dort angekommen bin. Doch nun bin ich einmal hier, ich muss es zumindest versuchen.
Ich mache mich auf den Weg. Da sehe ich eine riesige Gestalt, die an der Ladentür hantiert. Oh nein – Martha, die Putzfrau! Ich renne so schnell ich kann zurück zum Kassentisch, presse mich dagegen und wage nicht zu atmen. Was, wenn sie mich sieht? Dann wird sie mich sicher zurück in die Glasvitrine setzen. Dann wäre alles umsonst!
Martha kommt herein. Die Tür klingelt dabei bedrohlich. Martha brummelt vor sich hin, wie sie es immer tut, stapft keine zwei Meter an mir vorbei und reißt die Tür zum Gang auf. Ich weiß nicht, was sich dort befindet – nur, dass Beate die Verkäuferin immer wieder dort verschwindet. Meistens kommt sie dann mit nassen Händen zurück, manchmal auch mit Kisten voller neuer Stofftiere oder Autos.
Ich höre, wie Martha im Gang rumort. Auch Wasser höre ich fließen. Ich weiß, dass ich mich nicht zu lange hier aufhalten kann. Irgendwann wird sie mich entdecken. Also sprinte ich los, so schnell ich kann, über den Flur auf das Spielzeugautoregal zu. Dabei verfluche ich meine kleinen Beinchen.
Über mir höre ich entsetzte Aufschreie der anderen Püppchen. Im Gang fällt etwas Scheppernd zu Boden. Martha brummelt etwas. Ich laufe weiter. Nicht beirren lassen, denke ich. Da höre ich es. Die gewaltigen, bebenden Schritte von Martha, die immer näher kommen. Nein, denke ich, nein! Und laufe, so schnell ich kann.
Die Schritte werden immer lauter. Da ist das Regal. Ich schaffe es! Mit einem Hechtsprung flüchte ich mich darunter – keinen Moment zu spät. Beinahe hätte mich einer der schweren Schuhe von Martha erwischt. Keuchend bleibe ich unter dem Regal liegen. Als ich wieder atmen kann, kommt eine neue Gefahr auf mich zu: Marthas Wischmop! Ich verstecke mich hinter einem der Regalfüße und halte mich daran fest. Die grauen, nassen Tentakeln des Wischmops streifen mich, reißen mich fast hinfort. Doch nur fast. Das Ungeheuer verschwindet. Ich sinke völlig erschöpft in mich zusammen. Martha wischt und putzt endlos in dem Laden herum. Endlich ist sie fertig, packt ihren Mop weg und geht.
Ich wage mich wieder aus meinem Versteck. Das Plüschtierregal ist endlos weit entfernt. Das schaffe ich nie in dieser Nacht. Mutlos setze ich mich auf den Boden.
Währenddessen ist wieder Leben in die Spielzeuge gekommen. Ich höre die Püppchen zischeln, die Plüschtiere lachen. Sogar das Summen der Flugzeuge hoch über mir kann ich hören. Und das Gebrumm der Spielzeugautos, die mit lautem Karacho quer durch den Raum flitzen.
„Tuut Tuuuut!“, macht es neben mir. Ich zucke erschrocken zusammen. Da steht ein gelber LKW.
„Hübsches Fräulein, kann ich dich mitnehmen?“ fragt mich der Fahrer, ein Plastikpüppchen mit Löchern im Gesicht statt Augen. Er ist mir ein bisschen unheimlich. Aber das ist DIE Gelegenheit.
„Ich möchte da hin“, sage ich und deute auf das Plüschtierregal.
„Na, dann steig ein!“ grinst der Fahrer.
Ich atme tief durch und quetsche dann meine Füße mit Müh und Not auf den Beifahrersitz. Oberkörper und Kopf ragen aus dem Fenster. Für die ist einfach kein Platz.
„Brum Bruuuum!“ Los geht es. Meine Haare flattern im Wind. Gut, dass mein weißes Matrosenhütchen angeklebt ist, sonst hätte ich es mit Sicherheit verloren.
Es dauert gar nicht so lange, da sind wir vor dem Regal angekommen. Ich hebe den Kopf in den Nacken und blicke nach oben. Mein dramatischer Auftritt ist nicht unbemerkt geblieben. Hunderte Augen starren auf mich herunter.
Auch mein Drache.
„Ich möchte mit dir sprechen“, sage ich. Die Plüschtiere sehen sich erstaunt an.
„Mit mir? KongKing?“ fragt ein großer schwarzer Affe sichtlich geschmeichelt.
„Nein, mit ihm.“ Ich deute auf den Drachen.
„Ghraaa?“ Das Ungeheuer blickt mit großen Augen zu mir hinunter.
„Was willst du denn mit dem?“ fragt der Affe überrascht.
„Ghraaa“, sage ich. Und der Drache spreizt seine Flügel, macht einen Schritt nach vorne – und plumpst neben mich auf den Boden. Einen Moment schüttelt er sich benommen.
„Ghraa“, kräht er dann fröhlich und stupst mich mit seiner Schnauze. Ich werde umgeworfen und lande auf dem Rücken. Und seine gewaltige rosa Zunge schwappt einmal quer über mein Gesicht.
Ich rapple mich vorsichtig auf, während der Drache wie ein überdimensioniertes Hündchen um mich herumscharwenzelt, mich beschnuppert und dabei immer wieder aufgeregte Laute ausstößt. Ich tätschle behutsam seine Nüstern, da wirft er sich auf den Rücken und streckt die Beine in die Luft. Die Nacht vergeht wie im Flug. Wir spielen Fangen und Verstecken, wir tanzen und wir kuscheln. So habe ich mir das Paradies immer vorgestellt.
Dann beginnt es zu dämmern.
„Was nun?“ frage ich Ghraa erschrocken.
Er packt mich mit seinem Maul, blickt nach oben und beginnt, mit den Flügeln zu schlagen. Doch sie sind viel zu klein, um seinen gewaltigen Körper nach oben zu befördern. Nach mehreren vergeblichen Versuchen krabbelt er mit seinen kleinen Klauen in die unterste Etage des Regals zu den Stoffhausschuhen. Ich kuschle mich in sein Fell.
Zwei Stunden später kommt Beate herein. Sie trällert ein fröhliches Liedchen und wurschtelt mit den Papieren auf ihrem Schreibtisch.
„Juhuuu!“, bricht es plötzlich aus ihr heraus. „Endlich!“ Dabei hat sie einen Zettel vom Belegdrucker in der Hand. Ich weiß, was das bedeutet. Vorbestellungen aus dem Onlineshop. Mit Entsetzen sehe ich, wie sie sich fröhlich zur Glasvitrine umwendet, die noch ein Stück offen steht. „Mit dem lustigen Matrosenhütchen“, sagte Beate laut dazu. Und starrt in die Vitrine. „Wo ist es denn? Hab ich es denn schon rausgenommen?“ Verwirrt blickt sie auf die Kassentheke.
Ich krampfe meine Hand um Ghraas Pfote.
„Ghraaa?“ macht er besorgt und pustet mir ins Gesicht.
„Das bin ich“, flüstere ich entsetzt. Und deute auf das Matrosenhütchen auf meinem Kopf. „Sie sucht mich!“ Und dann vergrabe ich meinen Kopf in Ghraas weichem, plüschigen Fell. Es hätte alles so schön sein können.
Beate sucht währenddessen hektisch den Kassenbereich nach mir ab und blickt dazu immer wieder in die Theke.
„Aber das wüsste ich doch!“, stammelt sie dazu. „Ich hab es nicht verkauft. Das Püppchen kann nicht weg sein! Zweihundertfünfzig Euro! Einfach futsch. Martha…?“ Sie lässt die Frage unbeantwortet im Raum stehen.
Denn in dem Moment geht die Türglocke – der erste Kunde für heute. Den ganzen Tag ist viel los. Frohe Weihnachten, sagt Beate. Doch richtig glücklich sieht sie dabei nicht aus. Ein kleiner, blonder Junge zieht Ghraa aus dem Regal. „Den will ich!“ ruft er freudestrahlend. Ich kann mich mit Müh und Not an meinen Drachen klammern.
„Aber der ist doch nicht schön“, erwidert der Vater, ein großer Kerl mit schwarzen Haaren und dicker Hornbrille. Er packt Ghraa und setzt ihn auf das Regal – ganz nach oben. Zum Glück erwische ich Ghraas Flügel und kann mich daran festhalten. Der kleine Junge starrt traurig zu uns hinauf. Immerhin sind wir hier oben den ganzen Tag vor weiteren Überraschungen sicher.
Am Abend sieht Beate sichtlich erschöpft aus. Sie blickt sich um und seufzt. Dann beginnt sie damit, Bücher ins Regal zurückzustellen. Die Spielzeugautos aufzuräumen. Die Plüschtiere ordentlich neben einander zu setzen.
Da bleibt ihr Blick an Ghraa hängen. „Was machst du denn da oben?“ fragt sie und schüttelt den Kopf. Mit Entsetzen muss ich zusehen, wie sie sich auf die Zehenspitzen stellt. Mit ihren Fingern erwischt sie gerade noch Ghraas Flügel. Ich kralle mich verzweifelt in seinem Fell fest. Doch die Schwerkraft ist gegen mich. Beate zieht Ghraa mit Schwung nach unten. Ich kann mich nicht mehr halten und stürze zu Boden. Direkt vor Beates Füße.
„Da bist du ja!“ ruft sie höchst erstaunt. Dann legt sie Ghraa achtlos in das Regal zu den anderen Plüschtieren, packt mich und trägt mich zur Kasse.
„Ghraaa!“ höre ich sein verzweifeltes Rufen. Zu spät.
Beate stellt mich auf die Kassentheke und pfeift fröhlich dazu. Auf dem Tisch neben uns setzt sich die Druckermaschine mit einem Höllengetöse in Bewegung. Wenig später liegen die Papiere Rechnung und Lieferschein neben mir. „Püppchen mit Matrosenhütchen. 250 €“, steht darauf. Warum kann ich keine der Plastikratten für 3 € sein. Oder ein Stoffigel für 5 €? Den Verlust hätte sie sicher nicht bemerkt.
Währenddessen öffnet Beate den Schrank. „Wo hab ich denn….“, murmelt sie. Dann schüttelt sie den Kopf und verschwindet in den Gang. Ich blicke verzweifelt zu den anderen Püppchen hinauf. Weißes Häubchen zuckt die Schultern, Pinkes Hütchen fuchtelt wild mit den Armen, Blaues Hütchen mustert mich spöttisch.
Da ist Beate wieder zurück – mit einer weißen Schachtel und einem großen, braunen Karton. Sie wickelt mich in ein warmes, weiches Stück Stoff, legt mich in die weiße Schachtel und senkt den Deckel über mich. Ich kann nichts mehr sehen und nichts mehr hören. Jetzt ist es passiert. Jetzt werde ich verkauft. Gerade jetzt, wo ich Ghraa gerade erst kennenlernen durfte. So ist das Leben. Grausam und ungerecht. Es tut wirklich weh. Wo es mich nun wohl hinverschlagen wird? Die drei Püppchen, die verkauft wurden, seit ich da bin, waren für ältere Damen bestimmt. Immerhin werden sie mich gut behandeln. Ich bin ja schließlich teuer. Aber was hilft das schon. Ohne Ghraa…

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Über die Autorin

Miriam Malik schreibt vor allem Thriller, aber auch Kurzgeschichten wie diese. Kontakt: autorin @ miriam-malik.de

Webseite: miriam-malik.de