Rosa Hase und der Weihnachtsmann

Als Plüsch-Kaninchen hat man es nicht leicht. Davon kann der kleine Fluffy ein Lied singen. Ignorante Menschen halten ihn abwechselnd für einen Hasen und einen Bären, schieben und schicken ihn herum und machen es ihm so quasi unmöglich, seine wahre Bestimmung zu finden. Doch dann rückt Weihnachten näher. Wird es für Fluffy nun endlich ein Happy End geben?

Eine weihnachtliche Kurzgeschichte von Miriam Malik

„Rosa Hase“, murmelt Karl, der Lagerangestellte mit dem schwarzen, dichten Schnurrbart und dem blauen Overall. Wir sehen uns in die Augen. Ich bin kein rosa Hase, sondern ein rotes Kaninchen der Marke Fluffy mit zugegebenermaßen etwas klein geratenen Ohren und Schneidezähnen. Aber das ist kein Grund, mich zu beleidigen.

„Zieh“, sage ich und stelle mir vor, wie ich einen Revolver in meiner plüschigen Pfote halte. Dann muss ich über mich selbst den Kopf schütteln. Offensichtlich bin ich zu lange neben diesem Buch mit Wild-West-Geschichten gelegen.
Karl bleibt auch relativ unbeeindruckt. Er mustert mich zwar intensiv, schüttelt dann aber den Kopf und geht weiter, durch die Reihen der plüschigen Teddybären, der blauen Krokodile, der orangenen Enten, der grünen Elefanten. Am Ende des Regals angekommen, dreht er um. Mustert noch einmal aufmerksam jeden von uns. Bleibt wieder vor mir stehen. Murmelt: „Rosa Hase. Naja. Was soll’s.“ Packt mich. Trägt mich durch das Lager. Und legt mich auf einen Tisch vor einen Bildschirm.
Da sitzt eine Frau und hantiert mit lauter Tabellen. Das ist der Check-In-Prozess, den ich von meinen vorherigen Reisen über Hersteller und Großhändler her kenne. Es geht los. Gut. Wird aber auch Zeit.
Doch die Dame wirft mir erst einmal einen abschätzenden Blick zu. „Rosa Hase lautet die Bestellung – und nicht roter Bär“, fährt sie den Mann aus dem Lager an. „Hast du keine Augen im Kopf?“
„Das da kommt einem rosa Hasen am nächsten“, murmelt er mürrisch.
Die Frau starrt mich an und zuckt dann mit den Schultern. „Was soll’s“, meint sie, wendet sich ihrem Computer zu, öffnet ein Office Programm und tippt wild darin herum. Rechnung. Eine Reihe von Zahlen. Lieferschein. Weitere Zahlen. Retourenschein. Meine Rückfahrkarte für den Fall der Fälle also. Der Check-In Prozess hier dauert wirklich lange, das muss ich an dieser Stelle mal festhalten. Da bin ich von den anderen Stationen meiner Reise deutlich besseren Service gewöhnt. Endlich ist sie fertig.
„Ok, einpacken!“, befiehlt sie Karl.
Der steckt mich in eine Kiste, zusammen mit den Papieren Lieferschein, Retourenschein und Rechnung. Dann wird der Deckel geschlossen. Und sich für lange Zeit nicht mehr öffnen. Nun, ich bin schon mehrmals so gereist – unter anderem kurz nach meiner Geburt von Guanxipin (oder so) nach Hamburg per Schiff. Ich könnte euch Geschichten erzählen…. Mache ich aber nicht. Kurz gesagt – mich haut so schnell nichts um.
Die anderen Spielzeuge aber offenbar schon. Ich kann vereinzelt ihre Stimmen hören:
„Oh Mann, ist mir schlecht. Dieses Geschaukel ist ja nicht zu ertragen.“
„Hilfe, eine Entführung!“
„Ich habe mir die Pfote eingeklemmt! Aua! Aua!“
„Das entspricht nicht den Mindeststandards für eine Transportkiste. Ich werde Beschwerde einlegen!“
Aha. Eindeutig deutsche Produktion. Alles Weicheier.
Wir werden weitertransportiert und die Stimmen der anderen verlieren sich Gott sei Dank irgendwann. Stattdessen strömen fremde Eindrücke auf mich herein. Merkwürdige Geräusche und Gerüche. Gesumme und Geraschel. Reisen ist eine sehr interessante Sache.
Irgendwann öffnet sich die Kiste wieder. Zwei Menschenaugen starren mich skeptisch an. Ich kontere mit einem Eisblick. Was haben die so zu glotzen?
„Das ist aber kein Hase“, sagt der Mann hinter den Augen. „Was hast du da nur bestellt?“
Eine Frau kommt hinzu, mustert mich genauso intensiv.
„Der sah im Internet aber ganz anders aus“, stellt sie laut fest. „Was sollen wir zu Ostern mit einem Teddybären?“
Teddybär? Also bitte…. Na, dann packt mich zurück in die Kiste und verschwindet, denke ich mir gehässig. Mein Rückfahrticket habe ich ja dabei. Und mein Wunsch geht in Erfüllung.

Nach wiederholtem endlosen Geschaukel, Geräuschen, Gerüchen höre ich irgendwann wieder die Stimmen meiner Plüschkollegen.
„Was passiert mit mir?“
„Wo bin ich?“
Willkommen zurück. Ich werde ausgepackt und intensiv angestarrt. Den Kerl kenne ich doch. Tatsächlich – es ist Karl. Er nimmt den Zettel, auf dem Retourenschein steht. „Nicht wie abgebildet“, murmelt er. „Hab gleich gewusst, dass das kein rosa Hase ist. Die sind wohl ausverkauft.“
Er bringt mich zu der Check-Out- und offenbar auch Check-In-Tante, die ich ja bereits kennenlernen durfte.
„Der ist zurückgekommen“, informiert er sie.
Sie tippt heftig in ihrem System und wirft mir immer wieder giftige Blicke zu. Hey, was kann ich dafür, wenn ihr mich mit einem Hasen verwechselt und die anderen mich für einen Bären halten?
Endlich sind wir fertig. Karl packt mich, trägt mich durch die Reihen, ganz hinten ins Lager. Und da lässt er mich dann.
Keine Ahnung, wie ewig ich in dem dunklen Loch sitze und den Horrorgeschichten der anderen lauschen muss.
„Das Kind hat mir ein Auge ausgebohrt. Und dann haben sie mich zurückgeschickt und behauptet, dass ich schon so war!“
„Er hat gesagt, ich bin nicht süß und er will mich nicht.“
„Und ich bin kein steifes Tier. Warum sollte ich auch ein steifes Tier sein? Ich bin viel besser, weich, beweglich …?“
„Und meiner wollte lieber eine Eisenbahn ….“
Das Leben ist hart. Nicht jedem gelingt es, seine Bestimmung zu finden. So ist das eben.

Diesmal bleibe ich wirklich lange hier. Auf mir bildet sich eine Staubschicht. Eine Spinne kitzelt mich regelmäßig am Fuß und kuschelt sich tagsüber in mein flauschiges Fell. So bin ich zwar nicht allein, aber voller Spinnweben. Ich muss der Tatsache ins Auge sehen: Karl hat mich und die anderen schlichtweg vergessen. Wir werden ewig hier liegen, hilflos ausgeliefert der Hitze im Sommer, der Kälte im Winter, den Schreien meiner Leidensgenossen, dem Tratsch der Putzfrauen. Das ist die Hölle.
Und dann kommt eines Tages doch wieder Karl durch das Lager getappt. Vor unserem Haufen bleibt er stehen. Wir sehen uns ruhig in die Augen.
„Schon wieder du“, denke ich.
„Schon wieder du“, sagt er. Dann packt er mich und schüttelt mich heftig. Staub und Spinne fallen von mir ab. Jetzt ist mir kalt und schlecht. Vielen Dank auch.
Karl trägt uns durch das Lager. Ob es wieder auf eine Reise geht? frage ich mich voller Vorfreude. Doch meine Hoffnung wird schnell enttäuscht. Denn statt mich zum Check-In Schalter zu bringen, legt Karl mich einfach in ein anderes Regal. Und bohrt dann einen Sicherheitsfaden aus Plastik mit einem Etikett durch den Waschzettel an meinem Hinterteil. Auf dem Zettel befinden sich lauter schwarze Balken. Und ein Name: Rosa Bär Fluffy. Sonderangebot.

Verdammt.

Karl ist aber noch nicht fertig mit mir, sondern hantiert jetzt mit einer schwarzen Kommissionierpistole. Die hält er an einen Aufkleber am Regal. Das ist neu. Man hört ja viel von totaler Überwachung. Die Putzfrauen haben sich gerade erst über Kameras im Lager beschwert. Das muss das entsprechende System für Plüschtiere sein. Hat man denn nicht einmal als rotes Kaninchen Recht auf Privatsphäre…
Karl verschwindet fürs erste, die Zettel mit den Balken bleiben. In den nächsten Tagen beobachte ich ihn, wie er mit seinem Kasten durch das Lager läuft und wahllos Spielzeug von einem Platz auf den anderen legt. Unzählige Freundschaften werden damit zerstört. Die orangene Ente und der grüne Elefant schreien wie am Spieß, als der Vogel in einen anderen Teil des Lagers verschleppt wird. Es lässt mich kalt. Es musste ja irgendwann so kommen.
Am nächsten Tag ist Karl dann auf einmal mit einer großen roten Kiste bewaffnet. Er läuft damit durch das Lager und starrt immer wieder angestrengt auf den kleinen schwarzen Kasten. Scannt damit Plüschtiere und Regal und wirft alle zusammen in jene Kiste. Ein komisches Gefühl, ihm dabei zuzusehen. Ich weiß nicht so genau, was ich davon halten soll.
Und dann bin ich auch an der Reihe. Karl packt mich, scannt das Schild an meinem Hintern und den Aufkleber am Regal und wirft mich zu Eisenbahnen, Autos, Robotern, Puzzeln und Büchern. Ein gewaltiger Dinosaurier kommt mit dazu, ein Modellflugzeug und noch viele weitere Spielsachen. Als nun wirklich überhaupt kein Platz mehr ist, stellt Karl uns auf den Boden und entnimmt der Reihe nach ein Spielzeug nach dem anderen. Irgendwann bin ich dran. Karl scannt das Schild an meinem Hinterteil. Drohend leuchtet die Nummer 4 über mir auf. Karl wirft mich in eine blaue Box, die deutlich mit Nummer 4 beschriftet ist. Wenig später folgen ein Auto, ein Puzzle und die Papiere Rechnung, Lieferschein und Retourenschein. Da verstehe ich endlich – es geht doch wieder auf eine Reise! Einerseits freue ich mich darüber. Andererseits ärgere ich mich über die unbequeme Massenabfertigung. Früher war alles besser.
Karl bringt unsere Kiste zu einem Tisch, an dem – Überraschung! – die Check-In-Tante vom letzten Mal sitzt. Die Welt ist klein.
„Hab ich den nicht schon einmal gesehen?“, fragt sie und mustert mich kritisch.
„Natürlich hast du das“, erwidere ich pampig.
„Das ist dieser komische Bär“, erklärt Karl. „Zu Weihnachten lässt sich wirklich jeder Müll verkaufen. Ich hätte es ja nicht gedacht, aber mit dieser neuen Software geht wirklich alles schneller.“
Die Frau schnaubt nur und packt mich, Auto und Puzzle in einen Karton, legt die Papiere dazu und schließt uns ein. Und dann wieder Geschaukel, Gepolter, Gerüche. Wie gehabt.
Endlich öffnet sich das Paket wieder. Ich fühle mich in gleißendes Licht getaucht.
„Ein Bär für die kleine Lucy“, dröhnt eine tiefe Stimme.
„Was ist los?“, frage ich verdutzt.
„Du bist doch kein Bär?“, fragt die Stimme zurück.
„Ich bin ein Kaninchen“, entgegne ich voller Würde.
„Lucy wünscht sich aber einen Bären. Was mache ich denn jetzt mit dir?“
„Mir egal. Wer bist du überhaupt?“
„Du kannst mich Weihnachtsmann nennen. Wenn du möchtest. Oder Christkind. Ho Ho Ho.“
„Ah.“ Von dem habe ich tatsächlich schon Einiges gehört. „Warum wurde ich denn an dich verschickt?“
„Na, um die Kinder mit Spielzeug beliefern zu können“, knurrt er patzig.
„Ich dachte, du produzierst das selbst? Oder zauberst es irgendwie herbei?“ Woher soll ich das wissen?
„Ho Ho Ho,“ dröhnt er. „Nein. Natürlich nicht. Wieso soll ich so viel Aufwand betreiben, wenn ich einfach einkaufen und dabei dem Handel noch etwas Gutes tun kann. Zaubern. Ho Ho Ho! Du hast mich zum Lachen gebracht, Kleiner. Deswegen werde ich beide Augen zudrücken und dich an Lucy schicken. Ich glaube sogar, du könntest ihr gefallen.“
Plötzlich finde ich auf dem Rücken liegend wieder – mit mit rosa Papier gefesselt. Den anderen um mich herum scheint es nicht besser zu gehen. Ich höre das Auto verwundert tuten und den Dinosaurier brummen.
Wieder Geschaukel und Gewackel. Plötzlich rieche ich frische Tannennadeln und Kerzenwachs, um dann unter den grässlichen Tönen von quieksiger Blockflöte, einer verstimmten Gitarre und verschnupft klingendem Gesang – irgendwas von Stillenacht – herumgetragen und schließlich unsanft aus dem Papier gezerrt zu werden. Zwei Kinderaugen staunen mich an.
„Süzz“, sagt das vielleicht dreijährige Mädchen dahinter und packt mich.
Wenig später weiß ich – der Weihnachtsmann hat mir überhaupt keinen Gefallen getan.
Die Hölle auf Erden ist ein Kinderzimmer.


Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin Miriam Malik. Die Kurzgeschichte ist in folgendem Band erhältlich:

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