Symbolisierte die Irminsul als Weltsäule den Weltenbaum Yggdrasil?
Quellenlage: Was wir wirklich wissen
Die Irminsul gehört zu den bekanntesten – und zugleich am schlechtesten beschriebenen – Heiligtümern des frühmittelalterlichen Mitteleuropas. Zeitgenössische Bildquellen existieren nicht. Unser Wissen stützt sich auf wenige schriftliche Erwähnungen, vor allem aus fränkisch-christlicher Perspektive. Die wichtigste Quelle ist der Bericht der fränkischen Reichsannalen, die schildern, dass Karl der Große im Jahr 772 während seines Sachsenfeldzuges ein bedeutendes sächsisches Heiligtum zerstören ließ, die sogenannte Irminsul. Ergänzend beschreibt Rudolf von Fulda im 9. Jahrhundert einen unter freiem Himmel verehrten, aufgerichteten Holzstamm, den er als universalis columna – als „Weltsäule“ – deutet. Diese Beschreibung ist entscheidend, da sie keine Statue, kein Gebäude und kein Bildnis erwähnt, sondern eine säulenartige Holzstruktur. Alles Weitere – Formdetails, Größe, Verzierung oder konkrete Rituale – lässt sich nur über Vergleichsfunde und kulturgeschichtliche Analogien erschließen. Archäologisch greifbar ist die Irminsul selbst bislang nicht.
Es ist übrigens auch möglich, dass es mehrere Irminsul-Heiligtümer an verschiedenen Standorten gab.

So könnte die Irminsul tatsächlich ausgesehen haben.
Die Bedeutung der Irminsul: Weltsäule, Weltenbaum, kosmische Ordnung
Die Irminsul war mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Götterbild im engeren Sinne, sondern ein Symbol kosmischer Ordnung. Bereits frühmittelalterliche Autoren beschrieben sie sinngemäß als universalis columna – als eine Säule, die die Welt trägt. Damit steht sie in einer langen vor- und frühgeschichtlichen Tradition, in der aufgerichtete Stämme, Pfosten oder Säulen als verbindendes Element zwischen Himmel, Erde und Tiefe verstanden wurden. Die Irminsul markierte vermutlich einen festen Mittelpunkt, an dem sich Gemeinschaft, Ritual und Weltverständnis bündelten. Eine eindeutige Zuordnung zu einem einzelnen Gott ist nicht belegt. Zwar werden in der Forschung gelegentlich Bezüge zu Ordnungs- oder Himmelsgöttern wie Tyr oder auch Odin diskutiert, doch wahrscheinlicher ist, dass die Irminsul über den einzelnen Götterkult hinausging und für die tragende Struktur der Welt selbst stand. Parallelen finden sich im nordischen Mythos im Weltenbaum Yggdrasil, der ebenfalls als Achse zwischen den verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit fungiert. Während Yggdrasil in der späteren Überlieferung stark mythologisch ausgeformt ist, dürfte die Irminsul eine ältere, abstraktere Vorstellung verkörpert haben: nicht als erzählter Mythos, sondern als sichtbares Zeichen von Ordnung, Bestand und göttlicher Gegenwart in der Landschaft. Ihre Zerstörung bedeutete daher nicht nur den Verlust eines Kultobjekts, sondern den symbolischen Bruch einer gesamten Weltdeutung.
Mögliche Fundorte und Kultlandschaften
Die Eresburg – politischer und kultischer Schwerpunkt
Als wahrscheinlichster historischer Ort der Irminsul gilt die Eresburg / Obermarsberg. Die fränkischen Quellen nennen sie ausdrücklich im Zusammenhang mit der Zerstörung des Heiligtums. Die Eresburg lag strategisch exponiert auf einem Berg und war sowohl militärisch als auch kultisch bedeutsam. Solche Höhenlagen entsprechen genau dem, was wir aus anderen vor- und frühgeschichtlichen Kultplätzen kennen: Orte mit weiter Sicht, klarer Abgrenzung und starker landschaftlicher Präsenz. Auch wenn bislang kein archäologischer Nachweis einer Holzsäule vorliegt, passt der Ort in jeder Hinsicht zu einem zentralen Heiligtum wie der Irminsul.
Die Externsteine – kein gesicherter Irminsul-Ort, aber ein Schlüsselplatz
Die Externsteine nehmen in der Diskussion um die Irminsul eine Sonderrolle ein. Archäologisch lassen sich dort keine eindeutigen vorchristlichen Großheiligtümer nachweisen, wie sie für die Irminsul vermutet werden. Dennoch gelten die Externsteine seit der Ur- und Frühgeschichte als herausragender Natur- und Kultort, was durch ihre besondere Geologie, ihre exponierte Lage und ihre lange Nutzungsgeschichte nahegelegt wird.
Die Externsteine sind kein gesicherter Standort der Irminsul. Sie wird aber mit dem Kreuzabhnahmerelief in Verbindung gebracht. Dabei handelt sich um ein frühmittelalterliches christliches Relief, das die Kreuzabnahme Christi zeigt und vermutlich im 9. Jahrhundert geschaffen wurde. Im Bild ist ein Element abgebildet, das eine abgeknickte Palme zeigen könnte – oder eine umgebogene Säule, was den Sieg des Christentums über die Irminsul zeigen könnte. Die oft mit der Irminsul verknüpfte Gabelform stammt von diesem Relief.
Buchtipp:
Die Rätsel der Externsteine – Archäologische Spuren, Irminsul, Leylinien und mehr

Einordnung: Irminsul zwischen Archäologie und Erinnerung
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Irminsul war mit hoher Wahrscheinlichkeit ein aufgerichteter Holzstamm unter freiem Himmel, Teil eines zentralen sächsischen Heiligtums. Ihr genauer Standort bleibt unbekannt, doch Orte wie die Eresburg entsprechen dem historischen Kontext. Die Externsteine wiederum zeigen exemplarisch, wie ältere Kultlandschaften nicht ausgelöscht, sondern umgedeutet und überformt wurden. Die Irminsul selbst ist archäologisch verloren – doch ihre Idee, die Vorstellung einer Weltachse zwischen Himmel, Erde und Tiefe, bleibt in vielen Landschaften, Mythen und religiösen Bildern Europas spürbar.
