Was ist Geomantie? Eine Definition
von Viola Schwarzbach
Geomantie ist die Lehre von der Beziehung zwischen Mensch und Erde. Sie betrachtet die Landschaft nicht als Kulisse, sondern als lebendiges, wirkendes Gegenüber. Berge, Täler, Felsen, Quellen und Höhlen gelten dabei nicht als zufällige Formen, sondern als Ausdruck tieferer Kräfte, die die Erde durchziehen und strukturieren.
In ihrer ursprünglichen Form ist Geomantie weder Religion noch Magiesystem. Sie ist ein Wahrnehmungs- und Erfahrungswissen, das über Jahrtausende hinweg in vielen Kulturen existierte – besonders auch in Europa, lange bevor schriftliche Überlieferungen oder institutionalisierte Religionen entstanden. Es geht um das Lesen der Landschaft, um das Spüren von Übergängen, Spannungen und Knotenpunkten, an denen sich Erdkräfte verdichten.
Geomantie-Kraftorte – Orte verdichteter Erdenergie

Im Zentrum der Geomantie stehen die sogenannten Kraftorte. Dabei handelt es sich um Landschaftsstellen, an denen sich geologische, hydrologische und topografische Besonderheiten überlagern. Solche Orte wurden von Menschen seit jeher aufgesucht – für Rituale, Bestattungen, Rückzug, Heilung oder Orientierung.
Dabei wird unterschieden zwischen weiblichen und männlichen Kraftorten.
Typische weibliche Kraftorte:
- Quellen, an denen Wasser aus dem Erdinneren an die Oberfläche tritt
- Höhlen, als Übergangsräume zwischen Innen- und Außenwelt
- Schluchten, Moore oder Engstellen, in denen sich Gegensätze verdichten
Typische männliche Kraftorte:
- markante Felsen, Felstürme, Felsnadeln
- Berge, die als aufragende Verbindung zwischen Erde und Himmel wirken
Es gibt aber auch Mischformen wie Felsentore: Höhle und Öffnung (weiblich) trifft kräftige, exponierte Felsmasse (männlich). Auch manche Berge wie das Walberla in der Fränkischen Schweiz ist durch seine überwiegend sanft geschwungene Form ein weiblich geprägter Kraftort.
Warum ist das wichtig? Kraftorte sind nicht neutral. Sie wirken unterschiedlich: beruhigend oder aufwühlend, klärend oder konfrontierend. In der geomantischen Sicht sind Kraftorte keine Wunschmaschinen, sondern Räume der Begegnung – mit sich selbst, mit der Natur und mit tiefer liegenden Prozessen.
Bekannte Kraftorte:
- Steonehenge
- Glastonbury Tor
- Die Externsteine
- Der Untersberg
Leylinien – die Adern der Landschaft
Ein wichtiges geomantisches Prinzip sind Leylinien, die auch als Drachenlinien oder Erdadern bezeichnet werden. Entlang dieser Linien scheint sich Landschaft besonders zu formen: Höhenzüge reihen sich aneinander, Quellen treten gehäuft auf, alte Kultplätze liegen wie auf einer unsichtbaren Schnur.
Das Wort Linie suggeriert etwas Starres, Gerades, Planbares. Genau darin spiegelt sich ein typisch männliches Ordnungsprinzip wider – der Versuch, die Welt zu vermessen, zu strukturieren und in feste Bahnen zu zwingen.
Doch so funktioniert Natur nur selten. Das Erdmagnetfeld etwa besteht nicht aus klar abgegrenzten Linien, sondern aus wellenartigen, dynamischen Strömungen. Es verändert sich, reagiert auf kosmische Einflüsse, auf Vorgänge im Erdinneren, auf Sonnenstürme. Auch tektonische Verwerfungen, Wasseradern, Erzvorkommen oder Hohlräume beeinflussen lokale Felder. Leylinien haben allerdings weniger mit geometrischer Ordnung zu tun, sondern mehr mit Adern, die sich durch den Erdkörper ziehen wie Blutgefäße durch einen Organismus. Es handelt sich also um Flüsse von Energie, die sich verdichten, aufspalten, umlenken lassen.
Mehr erfahren: Leylinien in Deutschland und Europa mit Karten
Gestein und Heilsteine – Speicher der Erde

Ein weiterer wichtiger Aspekt der Geomantie ist der bewusste Umgang mit Steinen und Gestein. Dabei wird nicht nur zwischen Edelsteinen und sogenannten „gewöhnlichen“ Natursteinen unterschieden. Auch das Grundgestein einer Landschaft trägt eine eigene Qualität.
Beispiele:
- Basalt – entstanden aus vulkanischer Hitze, oft mit kraftvoller, verdichtender, erdender Wirkung
- Sandstein – schichtweise abgelagert, formbar, verbindend, oft an Übergangsorten zu finden
- Kalkstein und Dolomit – durch Wasser geprägt, häufig in Karstlandschaften mit Höhlen und Quellen
- Granit – tief aus dem Erdinneren entstanden, stabil, tragend, archaisch
Doch auch Edelsteine wie Achat, Türkis, Karneol oder Jade spielen eine wichtige Rolle. In der geomantischen Sicht gelten Steine nicht als „Heiler“ im medizinischen Sinne. Sie wirken eher als Speicher, Verstärker oder Spiegel von Prozessen. Ihre Wirkung entfaltet sich im Zusammenspiel mit dem Ort, der Intention und der Wahrnehmung des Menschen. Viele Rituale nutzen daher bewusst Kraftorte, um Edelsteine und Kristalle dort aufzuladen oder mit einer bestimmten Qualität zu verbinden.
Geomantie als schamanisches Erdverständnis
In ihrem Kern ist Geomantie eng verwandt mit schamanischen Weltbildern: Alles ist beseelt, jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, aber auch jeder Stein und jeder Fels.
Dabei spielen Gegensätze eine wichtige Rolle:
- innen und außen
- dunkel und hell
- feucht und trocken
- weiblich und männlich
Diese Polaritäten werden nicht moralisch bewertet, sondern als natürliche Spannungsfelder verstanden, in denen Entwicklung möglich ist.
Meine persönliche Sichtweise
Meine eigene Annäherung an die Geomantie ist bewusst erdnah, einfach und europäisch geprägt. Mich interessiert vor allem der vorchristliche, schamanisch-europäische Kern: das intuitive Wissen um Kraftorte, die Achtung vor der Landschaft und das Verständnis der Erde als lebendiger Schöpfungsraum.
Konzepte wie Chakren, Reinkarnation, Feng Shui oder fernöstliche Energiesysteme gehören nicht zu meinem Schwerpunkt und meinem Fachgebiet. Sie werden hier daher nur am Rande oder gar nicht behandelt. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Klarheit: Ich schreibe über das, womit ich arbeite und was ich erfahre.
Auch das Christentum sehe ich differenziert. Die Grundidee von Mitgefühl, Verantwortung und Sinnsuche halte ich für wertvoll. Als spiritueller Bezugsrahmen steht es für mich jedoch nicht im Zentrum. Mein Fokus liegt auf einer zeitlosen, landschaftsgebundenen Spiritualität, die ohne Dogma auskommt und den Menschen wieder in Beziehung zur Erde setzt.
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Bilder:
Stonehenge: depositphotos.com / @fyletto
Externsteine: Viola Schwarzbach
