Mein Verhältnis zur Natur – zwischen Nähe und Ehrlichkeit
von Viola Schwarzbach – Autorin und spirituelle Begleiterin
Ich habe lange darüber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, im Einklang mit der Natur zu leben. Der Begriff wird häufig benutzt. Oft ist es gut gemeint, manchmal aber auch überwiegend wird er jedoch unkritisch und unreflektiert gebraucht. Je länger ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir: Ein wirklich ehrlicher Umgang mit der Natur beginnt nicht bei romantischen Vorstellungen, sondern bei der Anerkennung unserer eigenen Widersprüche.
Was meine ich damit? Der Mensch hat seit jeher in die Natur eingegriffen – und ich schließe mich davon ausdrücklich nicht aus. Wälder wurden gerodet, Flüsse begradigt, Tiere domestiziert, Landschaften umgeformt (vgl.: Die Unterdrückung des Urweiblichen). Die Natur wurde untertan gemacht, verwertet und in vielen Bereichen zerstört. Diese Entwicklung prägt unsere Gegenwart, ob wir es wollen oder nicht.
Gleichzeitig hat sich der Mensch dabei immer weiter von der Natur entfernt. Auch mein eigenes Leben spielt sich größtenteils in einer künstlichen Umgebung ab: umgeben von Beton, Glas, Metall und Plastik. Selbst dann, wenn ich draußen bin, bewege ich mich meist in gestalteten Räumen – auf Wegen, in bewirtschafteten Wäldern, in Landschaften, die längst nicht mehr unberührt sind. Im Einklang mit der Natur lebe ich definitiv nicht.
Die Sehnsucht nach einem einfacheren Leben
Ich verstehe sehr gut, warum sich viele Menschen nach einer Rückbesinnung auf die Natur sehnen. Angesichts von Klimakrise, Artensterben und Umweltzerstörung wirkt der Wunsch nach einem einfacheren, naturverbundeneren Leben fast zwingend. Auch ich spüre diese Sehnsucht. Problematisch wird es für mich dort, wo diese Sehnsucht in Selbsttäuschung umschlägt. Ich lebe nicht naturnah, nur weil ich meine Socken selbst stricke, hin und wieder meine eigene Seife herstelle oder Gemüse im Garten anbaue. Denn ich muss mir ehrlich die Frage stellen: Woher kommt die Wolle? Woher stammen die Zutaten für die Seife? Welche Materialien stecken in Werkzeugen, Verpackungen und Transportwegen?
Spätestens wenn ich mein Smartphone in die Hand nehme und mir meinen Morgenkaffee genehmige, wird mir klar, dass ich Teil einer globalen, hochkomplexen Infrastruktur bin – mit seltenen Erden, Energieverbrauch, Lieferketten und Plastik. Daran ändert auch ein bewusster Lebensstil nichts Grundsätzliches.
Die Segnungen der modernen Welt
Für mich ist es wichtig, die künstliche Welt nicht pauschal zu verurteilen. Sie ist kein Irrweg, von dem wir einfach umkehren müssten. Der Mensch hat nie vollständig „natürlich“ gelebt. Schon das Feuer, das Werkzeug, die erste Behausung waren Eingriffe in die Natur. Und diese Eingriffe haben Vorteile gebracht – enorme Vorteile.
Ohne moderne Medizin wären viele von uns nicht am Leben. Auch ich profitiere täglich davon. Der menschliche Körper ist erstaunlich verletzlich. Der aufrechte Gang hat das Becken gekippt, Geburten sind kompliziert und gefährlich. Würden wir unter rein natürlichen Bedingungen leben, wären viele von uns nie geboren worden oder früh gestorben.
Ich bin dankbar dafür, dass Zahnschmerzen behandelbar sind und dass kleine Verletzungen nicht tödlich enden, dass Krankheiten erkannt und oft geheilt werden können. Medizin ist dabei nur ein Aspekt. Auch Wärme im Winter, sauberes Trinkwasser, Hygiene und Ernährungssicherheit sind Errungenschaften, auf die ich nicht verzichten möchte. Ein Leben wie das unserer Vorfahren erscheint mir deshalb nicht erstrebenswert. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Realismus.
Ehrlichkeit statt moralischer Überhöhung
Was ich mir wünsche, ist mehr Ehrlichkeit im Umgang mit dem Thema Natur. Ich muss mir nicht vormachen, ich könnte mich vollständig aus den Strukturen der modernen Welt lösen. Das kann ich nicht – und ich will es auch nicht vollständig. Ich trinke Kaffee, obwohl er eine lange Reise hinter sich hat. Ich nutze Technik und Gegenstände aus Plastik. Ich profitiere von globalen Systemen. Achtsamkeit bedeutet für mich nicht, perfekt zu sein oder moralisch über anderen zu stehen. Sie beginnt damit, die eigenen Widersprüche anzuerkennen und nicht zu kaschieren.
Im Einklang mit der Natur leben, ohne sie zu benutzen
Trotzdem – oder gerade deshalb – ist es mir wichtig, die Natur bewusst aufzusuchen. Ich gehe wandern, erkunde Landschaften mit dem Fahrrad, halte inne, beobachte, staune. Nicht, um etwas aus der Natur herauszuholen, sondern um ihr zu begegnen. Dabei ist mir eines zentral: Nähe zur Natur bedeutet nicht, in sie einzugreifen. Wenn ich draußen unterwegs bin, nehme ich meinen Müll wieder mit. Das ist für mich keine besondere Leistung, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Ich pflücke keine geschützten Pflanzen und grabe sie nicht aus. Arten wie Märzenbecher oder Orchideen sind selten, weil sie spezielle Standorte brauchen. In einem Garten würden sie meist nicht überleben. Ihre Existenz ist an ihren Lebensraum gebunden – und genau dort gehören sie hin.
Und Feuer entzünde ich nur, wo es ausdrücklich erlaubt ist, nicht in Höhlen (Fledermausschutz!!) und erst recht nicht im Wald. Vor Augen habe ich dabei immer die verheerenden Brände im Elbsandsteingebirge. Ich möchte auf keinen Fall verantwortlich für eine derartige Katastrophe sein. Auch wenn ich eine spirituelle Verbindung zu meinen Vorfahren suche, auch wenn unsere Vorfahren früher Feuer entzündet haben – die Zeiten haben sich geändert. Ich werde nicht aus meinem eigenen Egoismus dazu beitragen, die Welt noch mehr zu zerstören.
Für mich bedeutet ein respektvoller Umgang mit der Natur nicht, in eine idealisierte Vergangenheit zurückzuwollen. Er bedeutet auch nicht, auf alles Moderne zu verzichten. Er bedeutet, mir meiner Rolle bewusst zu sein. Ich lebe in einer künstlichen Welt. Ich profitiere von ihr. Und genau deshalb trage ich Verantwortung dafür, wie ich mich innerhalb dieser Welt verhalte. Die Natur braucht keine Romantisierung. Sie braucht Aufmerksamkeit, Zurückhaltung und Respekt.
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