„Jede Frau kann machen, was sie will. Im Schnitt muss sie allerdings 2 Kinder bekommen. Das geht ohne Vollzeit-Job leichter!“
— Andreas Wild, ehemaliger AfD-Abgeordneter im Berliner Abgeordnetenhaus

Immer wieder tauchen in politischen Debatten Forderungen auf, dass Frauen mehr Kinder bekommen sollen. Begründet wird das mit dem demografischen Wandel oder mit der Behauptung, Deutschland müsse sich gegen eine angebliche „Umvolkung“ schützen. Solche Aussagen wirken zunächst wie extreme Einzelmeinungen. Doch sie stehen für einen größeren gesellschaftlichen Trend: Immer häufiger wird diskutiert, ob Frauen eine Art Verantwortung – oder sogar Pflicht – hätten, Kinder zu bekommen.

Wenn du als Frau sagst, dass du keine Kinder willst, merkst du schnell, wie stark diese Erwartungen sind. Deine Entscheidung wird selten einfach akzeptiert. Stattdessen wirst du mit Kommentaren, Vorwürfen und Belehrungen konfrontiert. Viele davon hören sich immer wieder gleich an.

Die häufigsten Vorwürfe und Argumente gegenüber gewollt kinderfreien Frauen

„Der Kinderwunsch kommt schon noch“

Wenn du sagst, dass du keine Kinder möchtest, wirst du oft belächelt. „Warte nur ab, der Kinderwunsch kommt schon noch“, heißt es dann. Deine Entscheidung wird nicht ernst genommen. Stattdessen wird angenommen, dass du dich einfach noch nicht richtig kennst oder noch nicht alt genug bist, um das beurteilen zu können.

Vielleicht hast du dir diese Frage aber sehr bewusst gestellt. Vielleicht weißt du genau, wie du dein Leben gestalten möchtest. Trotzdem wird dir vermittelt, dass deine Entscheidung nur eine Phase sei – etwas, das sich früher oder später ohnehin ändern werde.

Dass das Quatsch ist, belegen Studien rund um Regretting Motherhood.

„Ein Kind bekommen ist völlig natürlich“

Manche reagieren auch mit Unverständnis. Wenn du sagst, dass du keine Kinder möchtest, bekommst du zu hören: „Das ist doch das Natürlichste der Welt.“ Manchmal schwingt sogar der Vorwurf mit, mit dir stimme etwas nicht.

In diesem Moment wird dir indirekt vermittelt, dass Weiblichkeit automatisch mit Mutterschaft verbunden sei. Als wäre eine Frau nur dann vollständig, wenn sie auch Mutter wird. Dass Menschen unterschiedliche Wünsche, Bedürfnisse und Lebensentwürfe haben können, wird dabei häufig ausgeblendet.

Dabei wird ausgeblendet, wie stressig Kinder sein können – es gibt jede menge Studien zum Thema Überfordert mit Kindern – das Mutter-Burnout.

„Das ist egoistisch“

Ein besonders häufiger Vorwurf lautet, dass du egoistisch seist. Du würdest nur an dich denken. Das Land brauche schließlich Kinder. Wer soll später die Renten zahlen?

In solchen Momenten wird deine persönliche Lebensentscheidung plötzlich zu einer angeblichen Pflicht gegenüber Staat oder Gesellschaft erklärt. Dass es weltweit bereits über acht Milliarden Menschen gibt, spielt in dieser Argumentation meist keine Rolle. Stattdessen wird die Verantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen auf einzelne Frauen abgewälzt.

„Du wirst es bereuen“

Vielleicht hörst du auch den Satz: „Du wirst es irgendwann bereuen.“ Dir wird gesagt, dass dir später etwas fehlen wird. Dass du erst im Alter merken wirst, was du verpasst hast.

Solche Aussagen tun so, als wäre Mutterschaft automatisch der größte Sinn im Leben jeder Frau. Gleichzeitig wird dabei ausgeblendet, dass auch Elternschaft nicht für jeden Menschen erfüllend ist. In den letzten Jahren zeigen sogar Studien, dass manche Frauen ihre Mutterschaft bereuen – ein Thema, über das lange kaum gesprochen wurde.

„Willst du im Alter allein dastehen?“

Ein weiterer Klassiker ist die Frage: „Willst du im Alter allein dasitzen?“ Dahinter steckt die Vorstellung, dass Kinder eine Art Garantie gegen Einsamkeit seien.

Doch in Wirklichkeit gibt es diese Garantie nicht. Kinder können weit wegziehen, ihre eigenen Familien gründen oder selbst stark mit ihrem Leben beschäftigt sein. Viele ältere Menschen werden heute ohnehin professionell gepflegt. Gleichzeitig bauen viele kinderlose Menschen enge Freundschaften, Partnerschaften oder Wahlfamilien auf. Nähe und Unterstützung entstehen nicht automatisch durch biologische Verwandtschaft.

Forderungen nach finanziellen „Strafen“

Neben moralischem Druck gibt es auch immer wieder politische Forderungen, kinderlose Menschen stärker finanziell zu belasten. Ein Beispiel ist der höhere Beitrag zur Pflegeversicherung für Menschen ohne Kinder. Manche Stimmen fordern sogar noch deutlich höhere Abgaben.

Dabei wird oft übersehen, dass kinderlose Menschen in vielen Bereichen bereits mehr in die sozialen Systeme einzahlen. Wenn du keine Kinder hast, nimmst du keine Elternzeit und erhältst keine familienpolitischen Leistungen wie Elterngeld oder Kinderfreibeträge. Gleichzeitig arbeitest du häufig durchgehend und zahlst entsprechend kontinuierlich Beiträge in Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung ein.

Die Diskussion über eine „Gebärpflicht“ – ob offen ausgesprochen oder indirekt über moralischen Druck und finanzielle Anreize – berührt letztlich eine sehr grundlegende Frage.

Wer entscheidet über dein Leben?
Wer entscheidet über deinen Körper?

In einer freien Gesellschaft sollte die Antwort darauf klar sein: Du selbst. Jede Frau sollte das Recht haben, selbst zu entscheiden, ob sie Mutter werden möchte oder nicht – ohne Druck, ohne Vorwürfe und ohne die Erwartung, ihr Leben im Interesse staatlicher oder gesellschaftlicher Ziele auszurichten.

Zu Teil 2: