Das Buch „Das Externstein-System“ von Klaus Piontzik widmet sich einer umfassenden geomantischen Analyse der Externsteine im Teutoburger Wald. Es verbindet historische Forschung, geodätische Berechnungen und kulturgeschichtliche Einordnung zu einer These, die weit über einen einzelnen Kraftort hinausgeht: Die Externsteine werden als geomantisches Zentrum eines großräumigen europäischen Systems verstanden, von dem aus sich Linien – sogenannte Leylinien – in mehrere Richtungen erstrecken. Die Arbeit baut dabei auf älteren geomantischen Forschungen auf, insbesondere auf den Untersuchungen von Alfred Watkins, Walther Machalett und Jens M. Möller, und versucht, diese mit modernen mathematischen und geodätischen Methoden kritisch zu überprüfen und einzuordnen.
Doch was ist dran an diesem System?
Geomantie in Europa – ein kurzer Überblick
Geomantie wird im Buch als eine alte Kunst verstanden, die sich mit den Energiestrukturen der Landschaft befasst. Drei Ursprünge werden diskutiert:
- Import aus dem orientalischen und asiatischen Raum, insbesondere über das Feng-Shui
- Eigenständige europäische Traditionen, etwa bei Kelten und Germanen
- Erbe einer prähistorischen Urkultur, teils mit Bezug auf Atlantis
Im 20. Jahrhundert erlebte die Geomantie eine Wiederbelebung, insbesondere durch Alfred Watkins’ Theorie der Leylinien. In Deutschland wurde die Forschung jedoch durch die Instrumentalisierung geomantischer Konzepte im Nationalsozialismus schwer belastet. Erst ab den 1980er-Jahren kam es zu einer vorsichtigen Wiederannäherung, unter anderem durch Jens M. Möllers Werk „Geomantie in Mitteleuropa“.
Die Externsteine als geometrisches Zentrum
Im Zentrum von Piontziks Buch steht die These, dass die Externsteine nicht nur ein lokaler Kraftort sind, sondern der Nullpunkt eines geomantischen Koordinatensystems. Dieses System basiert auf geometrischen Prinzipien wie:
- der Quadratur des Kreises
- dem sogenannten Quadraturdreieck (Cheops-Pyramiden-Geometrie)
- der Verwendung von Meridian-, Ost- und Westlinien
Die Externsteine bilden dabei die Spitze einer großräumigen geomantischen Figur, die als Externstein-Pyramide bezeichnet wird.
Die drei Hauptlinien des Externstein-Systems
1. Die Meridianlinie der Externsteine
Die Meridianlinie verläuft nicht exakt entlang eines geografischen Meridians, sondern ist leicht gekippt. Sie gilt im Buch als eine der präzisesten Linien des Systems, da viele Orte mit nur geringer Abweichung auf oder nahe dieser Linie liegen.
Orte entlang der Meridianlinie:
- Externsteine
- Marsberg
- Marburg
- Felsenmeer Odenwald
- Neckargemünd
- Kloster Maulbronn
- Haigerloch
- Hohentwiel (Singen)
- Genua
- Cagliari
- Ghadames (Libyen)
Diese Linie erstreckt sich über mehr als 2.400 Kilometer und zeigt nach geodätischer Berechnung eine bemerkenswert geringe Streuung der Abstände.
2. Die Westlinie der Externstein-Pyramide
Die Westlinie verläuft in Richtung Südwesten und wird im Buch mit der Idee von Atlantis und westlichen Mysterienorten in Verbindung gebracht. Sie folgt dem geometrischen Winkel des Quadraturdreiecks.
Orte entlang der Westlinie:
- Externsteine
- Paderquellen (das energetisches Equivalent zu den Externsteinen / weiblicher Kraftort)
- Balver Höhle
- Laacher See
- Bitburg
- Luxemburg
- Höhle von Rouffignac
- Lourdes
- Madrid
- Gibraltar
- Lanzarote (als Richtungsangabe in Richtung Atlantis)
Die höchste Übereinstimmung zeigt sich zwischen den Externsteinen und Gibraltar. Madrid und Lanzarote werden als weiter entfernte Referenzpunkte diskutiert, wobei Lanzarote ausdrücklich symbolisch verstanden wird.
3. Die Ostlinie der Externstein-Pyramide
Die Ostlinie führt von den Externsteinen in Richtung Südosten und verbindet zahlreiche bedeutende Kult- und Mysterienorte Europas bis nach Nordafrika.
Orte entlang der Ostlinie:
- Externsteine
- Emden
- Kassel
- Coburg
- Die Fränkische Schweiz
- Donaustauf (Walhalla)
- Zagreb
- Olymp
- Delphi
- Delos
- Karpathos
- Gizeh (Cheops-Pyramide)
Im mitteleuropäischen Raum zeigt diese Linie eine hohe Genauigkeit. Südlich von Zagreb nehmen die Abweichungen zu, was im Buch unter anderem mit der Erdkrümmung und der Problematik geradliniger Kartendarstellungen erklärt wird.
Das Externstein-Gitter – mehr als einzelne Linien
Über die drei Hauptlinien hinaus entwickelt das Buch ein fein abgestuftes Gittersystem, das sich aus der Ost- und Westlinie sowie deren Senkrechten und Teilungen ergibt. Dieses sogenannte Externstein-Gitter zeigt:
- symmetrische Beziehungen zwischen Städten wie Aachen, Karlsruhe und Coburg
- feste Zahlenverhältnisse (z. B. 1:2, 3:5, 5:7)
- die Einbindung bekannter Linien wie der Drei-Kaiser-Dom-Linie oder der Nornenlinie
Nach Piontzik fügen sich die von Jens M. Möller beschriebenen Linien harmonisch in dieses Gitter ein, was als geometrisch-geodätische Begründung für deren Existenz gewertet wird.
Fazit: Ein geomantisches Deutungsmodell Europas
„Das Externstein-System“ versteht sich nicht als Beweis im naturwissenschaftlichen Sinn, sondern als kohärentes geomantisches Deutungsmodell, das historische Orte, geometrische Strukturen und kulturelle Überlieferungen miteinander verknüpft.
Die Externsteine erscheinen darin als zentrales Scharnier eines weitreichenden Landschaftssystems, das in Mitteleuropa besonders deutlich ausgeprägt ist. Ob man dieses Modell als spirituelle Deutung, kulturhistorische Hypothese oder geometrisches Gedankenspiel liest – das Buch liefert eine außergewöhnlich detaillierte Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit Leylinien, Kraftorten und der verborgenen Ordnung der Landschaft.
Einordnung
Das System der starren, streng geometrischen Leylinien wird mittlerweile nicht mehr ganz so eng gesehen. Durch die Erdkrümmung ergeben sich teils doch erhebliche Abweichungen. Eine plausiblere Theorie geht davon aus, dass zwischen Kraftorten Energien fließen (diese wird u.a. als Schöpfungsenergie bezeichnet). Dabei kommen besonders starke Ströme durch starke männliche und weibliche Kraftorte zustande. Ein Beispiel für ein solches Energiepaar sind die Externsteine und die Paderquellen von Paderborn. Starke Energien, wie sie von Lourdes, Gizeh oder aber auch den Externsteinen ausgehen, schaffen dabei besonders starke Energielinien. Auch wird nicht mehr davon ausgegangen, dass die Externsteine DAS spirituelle Zentrum Europas sind – sicherlich sind sie aber ein bedeutender Kraftort.
