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Vampirgeschichte „Ein neues Leben“ von Maria King

Die junge Emina reist mitten in der Nacht zu einer finsteren Burg, um einen wildfremden Grafen zu heiraten. Gehorsam fügt sie sich in ihr Schicksal. Doch nicht nur die drohende Vermählung macht dem Mädchen Angst. Denn ihr Körper hat begonnen, sich auf unheimliche Weise zu verändern….

Viel Spaß beim Lesen!

„Leb wohl, meine Kleine.“ Es ist dunkel, ich kann das Gesicht meiner Mutter im flackernden Licht der Pechfackeln kaum erkennen. Doch ich spüre, dass sie unendlich traurig ist. Dass sie dasselbe fühlt wie ich. Doch es gibt keine Umarmung, keinen Kuss. Mein Vater steht mit versteinerter Miene neben ihr. Er kann mich nicht ansehen.
Die Tante sitzt bereits in der Kutsche. Ich kann ihre Missbilligung fast körperlich spüren. Sie ist alles andere als begeistert, dass sie mich begleiten muss. Doch es wäre unschicklich, mich allein reisen zu lassen. Und als kinderlose Witwe muss sie tun, was ihr Bruder, mein Vater, ihr sagt.
Ich steige ein. Kurz darauf setzt sich die Kutsche in Bewegung. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Wir passieren das Burgtor und fahren in eine dunkle, unwirkliche Welt.
Nun kommen mir doch die Tränen. Ich fühle mich so unglaublich allein. Ich werde meine Eltern, meinen Bruder, meine Amme, mein Pony nie mehr wieder sehen. Dabei weiß ich nicht einmal genau, was eigentlich passiert ist. Nur, dass die Konsequenzen so schlimm sind, dass es keine andere Möglichkeit gibt. Ich muss tapfer sein, das weiß ich. Dennoch weine ich leise, bis ich keine Tränen mehr habe. Meine Tante ist eingeschlafen und schnarcht leise vor sich hin. Das erste Licht des Tages zeigt sich. Der Herbst wirft seine Schatten voraus. Es ist ziemlich kühl, ich bin froh um die Decke, die auf meinen Beinen liegt. Eine rote Sonne geht auf. Ihre Strahlen brennen in meinen Augen. Ich schließe die schweren, dunklen Vorhänge, die mein Vater in der letzten Woche hat anbringen lassen. Meine Lichtempfindlichkeit nimmt zu. Sonnenstrahlen – besonders in der Mittagshitze – verbrennen meine Haut wie Feuer Papier.
Die Tante öffnet die Augen und sieht mich missbilligend an. Ich spüre das silberne Kreuz, das sie auf ihrer Brust trägt, auch wenn ich es nicht sehen kann. Seine bloße Präsenz bereitet mir Unwohlsein.
„Du wirst dem Grafen gegenüber höflich sein“, ermahnt mich meine Tante. „Und du wirst knicksen, wenn du ihn siehst. Vergiss nicht – du bist aus gutem Hause und keine Bauernmagd! Und erzähle ihm auf keinen Fall von deiner Krankheit.“ Sie gibt mir noch weitere Ermahnungen, doch ich höre nicht zu. Stattdessen frage ich mich beklommen, wie mein zukünftiges Leben aussehen wird. Ob der Graf gut zu mir sein wird? Reich ist er, hat mein Vater mir gesagt. Doch was heißt das schon? Ich bin sicher, dass er sich seine zukünftige Braut – ich wage kaum, das zu denken – anders vorgestellt hat.
„Es ist Gottes Wille“, sagt die Tante und bekreuzigt sich. Ich zucke zusammen. Es fühlt sich an wie ein Dolchstoß.
Die Kutsche hält. Der Kutscher öffnet den Verschlag. Gleißendes Licht strömt herein. Selbst durch meine dunkle Kleidung hindurch kann ich spüren, wie es auf meinen Körper brennt. Ich nehme meinen Sonnenschirm und husche aus der Kutsche. Wir stehen unter mächtigen Bäumen, zum Abort ist es zum Glück nicht weit. Meine Tante bietet mir etwas zu essen an, doch wie sonst auch in den letzten Wochen kann ich nichts zu mir nehmen.
Der Kutscher hält mir die Tür auf. Ein unglaublicher Gestank geht von ihm aus entgegen. Mir ist so schlecht – ich glaube, ich muss mich übergeben. Ich klettere in die Kutsche, reiße den Vorhang zurück und öffne das Fenster auf der anderen Seite. Ein Sonnenstrahl fällt auf meine Wange. Aua! Ich zucke zurück und stoße dabei meine Tante. Sie sieht mich böse an. Das wird noch mehr Ermahnungen nach sich ziehen….
Der Kutscher steigt endlich auf seinen Bock zurück. Ich kann seinen Gestank immer noch riechen – jetzt aber zum Glück nicht mehr so deutlich. Überempfindlichkeit gegenüber Knoblauch. Eine weitere Veränderung, die ich an mir festgestellt habe.
Ich weiß einfach nicht, was passiert ist. Nur, dass da dieser Mann an unserem Hof war. Ein junger Adeliger, gut gekleidet, der in der Dämmerung den Burghof betrat und um einen Schlafplatz und etwas zu Essen bat. Aus Gastfreundschaft ließen meine Eltern ihn am Abendessen teilhaben. Der junge Mann unterhielt uns mit vielen gruseligen Geschichten. Er muss viele Länder bereist haben. Dabei war er noch relativ jung.
Es war ein schöner Abend. In der Nacht habe ich von ihm geträumt. Er war ganz nah an meinem Bett. „Du bist schön“, hat er im Traum zu mir gesagt. „Ich werde deine Schönheit für die Ewigkeit erhalten.“ Und er hat mich geküsst.
Am nächsten Morgen ging es mir nicht sehr gut. Ich fühlte mich schwach und konnte kaum aufstehen. Mein Vater musste den Arzt aus der Stadt kommen lassen. Dieser besah meinen Hals, wurde leichenblass und verließ hastig das Zimmer.
„Du bist sehr krank“, erklärte mein Vater mir später. „Du musst im Bett bleiben. Du brauchst viel Ruhe, um wieder gesund zu werden.“ Er war sichtlich nervös. Während er mit mir sprach, ließ er einen Holzpflock mit spitzem Ende, wie man ihn zum Pferde anbinden verwendet, in den Händen hin und hergleiten. Dann seufzte er tief, ging hinaus – und sperrte die Tür hinter mir ab. Ich durfte nicht mehr nach draußen. Nicht mehr reiten. Nicht mehr spazieren. Irgendwann ging es auch nicht mehr. Selbst wenn ich gewollt hätte. Ich fühlte mich sehr schwach. Die Herbstsonne begann, mich zu verbrennen. Und dann kam der rote Nebel dazu… Vor dem Einschlafen fühle ich ihn. Er kommt über mich und raubt mir das Bewusstsein. Und wenn ich Stunden später wieder aufwache, habe ich Blut auf meiner Kleidung und einen schlechten, metallischen Geschmack im Mund …
Niemand besuchte mich in den nächsten Tagen. Nur der Arzt sah einmal nach mir – und ein kleiner Junge brachte mir Essen und Trinken. Ich ahnte, dass ich schwer krank war und bald sterben würde. Ich fühlte mich so schwach und allein, dass ich den Gedanken daran zunehmend als Erlösung empfand.
Doch dann wurde ich doch noch einmal von meinem Vater besucht. „Ich habe eine gute Nachricht für dich“, sagte er. Sein Mund lächelte dabei, doch seine Augen taten es nicht. „Ich weiß, es ist vielleicht noch etwas früh. Aber wir haben einen Ehemann für dich gefunden.“
„Einen Ehemann?“ Mit so etwas hatte ich wirklich nicht gerechnet. Natürlich wünschte ich mir einen Ehemann. Einen jungen, eleganten Mann, der freundlich und belesen ist und die Musik mag und Pferde. Einen Seelenverwandten, wie er in so vielen Büchern beschrieben wird. So, wie der junge Mann, der uns besucht und wohl für mein Unglück verantwortlich war.
„Aber ich bin doch krank“, flüsterte ich. „Wieso…“
„Er wohnt im Norden“, sagte mein Vater. „Da ist – die Gebirgsluft  wird dir gut tun. Und – da kennen sie sich mit deinem Leiden besser aus.“ Er reichte mir eine aus der Zeitung gerissene Seite mit einer dick umrahmten Heiratsanzeige. Dort stand neben dem etwas undeutlichen, verwaschenen Bild eines Mannes mittleren Alters in kursiver, geschwungener Schrift zu lesen:

Graf Igor Markovi wünscht sich zu vermählen. Die Braut soll wohl erzogen und aus gutem Hause sein, Vergnügen an Literatur empfinden, Klavier oder Violine spielen und sich gepflegt unterhalten können. Der Brautpreis beträgt 10.000 Gulden. Die Hälfte davon erhält die Familie. Nur ernsthafte Angebote. Diskrete Abwicklung erwünscht.

„Graf Markovi stammt aus einem überaus ehrbaren und altem Adelsgeschlecht. Er ist unglaublich reich und kann dir ein standesgemäßes Leben bieten. Der Graf ist allerdings auch bekannt dafür, sehr zurückgezogen zu leben. Das wird dir helfen, deine schwere Krankheit….“ Er verstummte einen Moment. „Wir sind sicher, dass du unserer Familie alle Ehre machen wirst“, fügte er noch mit erstickter Stimme hinzu. Dann wandte er sich ab und verließ mein Zimmer. Doch ich sah trotzdem noch, wie eine verräterische Träne seine Wange herunterrann.
Drei Tage ist das jetzt her. Mein Zustand hat sich seitdem noch verschlechtert. Der rote Nebel kommt nun jede Nacht. Immerhin fühle ich mich nicht mehr ganz so schwach. Ich seufze und schiebe den Vorhang ein Stück zur Seite. Draußen wird es dunkel. Nun muss ich keine Angst mehr vor der Sonne haben. Die Landschaft ist rau. Schroffe Steilwände erheben sich vor mir. Wir fahren durch eine Schlucht, neben der schmalen Straße tost ein Wildbach. Meine Tante bekreuzigt sich erneut, was mir wieder einen Stich versetzt. Die Landschaft ängstigt mich nicht. Im Gegenteil. Die Straße wird nun steiler. Die Pferde fallen aus dem Trab in Schritt. Ich spüre ihre Anstrengung… Nun kann ich das Ende des engen Tals sehen. Auf der Felskante thront ein gewaltiges Ungeheuer mit glühenden Augen, dass auf die kleine Kutsche herunterblickt und bereit ist, sich darauf zu stürzen…. Natürlich ist nur meine Fantasie mit mir durchgegangen. Das Ungeheuer entpuppt sich bei unserem Näherkommen als eine mächtige Burganlage und die roten Augen als Fensteröffnungen, hinter denen das heimelige Licht eines warmen Feuers lodert….
Wir halten darauf zu. Und dann überkommt mich die Gewissheit. Das ist sicherlich die Burg des Grafen. Diese werde ich ab sofort mein Zuhause nennen. Eine Beklemmung ergreift mich, als ich mir in diesem Moment wieder die Bedeutung und die Endgültigkeit dieses Schritts klar wird. Die Nervosität, die ich den ganzen Tag gespürt habe, wandelt sich in Furcht. Wie können mir meine Eltern dies antun – mich wegzuschicken, mich einem fremden Grafen auszuliefern, von dem nur bekannt ist, dass er reich ist und zurückgezogen lebt? Was ist das nur für eine Krankheit, die mich heimgesucht hat?
Wenig später fahren wir durch das Burgtor in den düsteren Innenhof der Burg. Lediglich einige wenige Fackeln flackern hier und spenden dem Innenhof genug Licht, um die gewaltigen Ausmaße erahnen zu können.
Die Kutsche bleibt stehen. Die Tante erwacht. „Denk daran, was ich dir gesagt habe“, zischt sie. Dann ist der Kutscher auch schon heran und öffnet den Verschlag.
Ich atme tief durch und steige langsam aus der Kutsche. Am liebsten hätte ich die Tante angefleht, wieder zurückzufahren.
„Denk daran, was ich dir gesagt habe“, zischt sie nur.
Ich blicke mich um. Alles ist still, als ob die Burg nicht bewohnt wäre… Vielleicht sind wir in der falschen Burg? Vielleicht müssen wir nach Hause zurückkehren? Doch meine vage und völlig irrationale Hoffnung wird rasch zerstört. Denn in der Mauer öffnet sich eine Pforte. Eine große, schlanke Gestalt tritt heraus, gefolgt von zwei Bediensteten mit Fackeln. Der große Schatten bleibt nicht weit entfernt von mir stehen. Die Dienstboten treten näher und beleuchten den Platz, sodass ich den Mann vor mir genau betrachten kann. Er ist groß – und alt. Sicher mindestens so alt wie meine Eltern. Seine Gesichtszüge haben etwas Aristokratisches. Vielleicht macht das die spitze Nase. Er wirkt unnahbar und kalt. Mein Herz rast, ich bringe keinen Ton heraus.
Der spitze Finger meiner Tante sticht mich in die Seite. Ich zucke zusammen, doch das erinnert mich an meine Pflicht und mein gutes Benehmen. Ich mache einen tiefen Knicks, sodass ich fast vor dem Grafen auf die Knie falle. Den Blick halte ich gesenkt, wie sich das gehört.
„Aber mein Kind“, spricht der Graf. Er tritt zu mir, nimmt meine Hand behutsam in die seine und führt sie an seine Lippen. Ich weiß kaum, wie mir geschieht. Seine Hand ist eiskalt, sein Griff fest, fast – besitzergreifend.
„Bitte steht auf“, sagt der Graf mit samtweicher Stimme. „Du musst dich vor mir doch nicht verbeugen.“
Ich gehorche, halte meinen Blick aber weiter züchtig gesenkt. Ich hoffe, die Tante ist stolz auf mich.
Der Graf nimmt meinen Arm und führt mich nach drinnen – erst in eine gewaltige Eingangshalle und dann eine steile Treppe hinauf. Es geht unzählige Stufen nach oben. Die Treppe ist so lang und steil und die Präsenz des Grafen neben mir scheint übermächtig. Ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Das scheint der Graf zu spüren, den er legt einen Arm um mich und stützt mich. Er muss unglaublich stark sein. Ich ringe weiter um Atem und fühle mich einer Ohnmacht nah. Doch bevor es soweit kommen kann, haben wir endlich das Ende der Treppe erreicht. Der Graf führt meine Tante  und mich zu einem kleinen Zimmer, in dem sich ein Porzellankrug, ein Steinbecken, parfürmierte Seife und Handtücher befinden.
„Sicherlich wollt ihr euch etwas frisch machen“, sagt er und verneigt sich leicht. Dann schließt er die Tür hinter uns.
„Halte dich gerade“, zischt die Tante, während sie sich Wasser ins Gesicht spritzt. Sie ist noch außer Atem vor Anstrengung. Aber das hält sie nicht vom Nörgeln ab. „Du läufst neben ihm her wie ein Lämmchen auf der Schlachtbank. Vergiss nicht, er darf nichts von deiner Krankheit erfahren!“
Das habe ich nicht vergessen. Aber es fällt mir unheimlich schwer. Die Gegenwart des Grafen ist einfach erdrückend. Ich taucht meine Hände in das kühle Nass. Viel zu schnell scheucht die Tante mich wieder nach draußen.
Der Graf wartet schon auf uns. Ich spüre, wie seine Blicke über meinen Körper wandern. Ich komme mir dabei kindlich und klein vor. Und viel zu dünn.
Der Graf nimmt wieder meine Hand und führt mich in einen großen, aber dennoch heimelig wirkenden Saal. Vielleicht macht das die niedrige, holzvertäfelte Decke – sie erinnert mich an zu Hause. Das treibt mir Tränen in die Augen, die ich zum Glück rasch wegblinzeln kann. Auf dem Tisch in der Mitte sind die unterschiedlichsten Speisen aufgetischt. Doch die Aufregung hat mir jeden Appetit genommen. Außer etwas Wein und etwas Hühnchen bringe ich wieder einmal nichts herunter.
Die Tante beginnt zu reden. Sie überbringt dem Grafen Grüße von meinen Eltern, klagt über die lange, unbequeme Reise und macht ihm ein Kompliment nach dem anderen – zu seinem jugendlichen Aussehen, seinen Ländereien, seiner Burg. Währenddessen beobachte ich den Grafen. Er stochert lustlos in seinem Essen herum und scheint der Tante kaum zuzuhören. Er wirkt noch immer so streng und bleich. Bislang hat er kein einziges Mal gelächelt. In dem Moment blickt der Graf auf. Unsere Blicke kreuzen sich.
Seine Augen erinnern mich an schimmernden gelben Bernstein, der Ausdruck ist nicht zu lesen.
„Du scheinst keinen Hunger zu haben“, stellt der Graf fest.
„Ich…“ Ich bringe kaum einen Ton heraus. Aber ich weiß sowieso nicht, was ich sagen soll.
„Sie ist müde von der Reise“, wendet die Tante schnell ein.
„Gewiss“, erwidert der Graf. „Gewiss.“ Er schweigt einen Moment.
„Was ist dein Lieblingsbuch?“ fragt er mich.
„Ich…“ Meine Kehle ist wie ausgetrocknet.
„Nimm doch einen Schluck Wein.“ Der Graf sieht mich aufmerksam an. Ich gehorche und kann dabei nicht verhindern, dass er sieht, wie stark meine Hand zittert.
„Northanger Abbey“, antworte ich schüchtern.
Er zieht die Augenbrauen nach oben. „Jane Austen“, stellt er fest. „Nun, sicher eine angemessene Lektüre für eine junge Dame. Bist du auch mit Lessing vertraut?“
„Ich habe Nathan der Weise gelesen“, flüstere ich leise. Und dann befragt mich der Graf zu den unterschiedlichsten Romanen und Gedichten. Zum Glück habe ich viele Werke gelesen und von vielen Schriftstellern gehört. Bücher sind eine meiner Leidenschaften.
„Und wie sieht es aus mit Musik? Spielst du ein Instrument?“
„Ich spiele etwas Klavier“, antworte ich leise.
„Würdest du für mich spielen?“
Tatsächlich – im hinteren Teil des Saal steht in einer Ecke ein kleines, altes Cembalo. Ich habe noch nie auf einem solchen Instrument gespielt, aber es ist gestimmt wie ein Klavier.
Nach ein paar Tonleitern fühle ich mich sicher genug, um ein Stück zu spielen. Ich entscheide mich für ein Tambourin von Jean Philippe Rameau. Es scheint mir gut zu dem altertümlichen Instrument zu passen – und es ist sehr kurz. Ich spiele bewusst langsam, da ich mich nicht verhaspeln will. Es gelingt mir ganz passabel. Kaum bin ich fertig, springe ich auf und verneige mich erneut. Der Graf nickt gnädig und befielt mir mit einer Geste, wieder Platz zu nehmen.
„Nun“, wendet er sich dann mit seiner kühlen Stimme an meine Tante. „Sie scheint mir ein junges, entzückendes Mädchen zu sein. Außerordentlich hübsch. Gebildet. Musikalisch. Wohlerzogen. Sie ist alles, was ich mir gewünscht habe.“
Meine Tante strahlt über beide Wangen. Ich fühle mich jedoch nicht recht wohl dabei. Es ist sicher ein Kompliment, dass ich ihm gefalle. Aber da ist ein merkwürdiger Unterton in seiner Stimme, der mir Angst macht.
„Natürlich muss ich mich nun fragen.. Warum ihre Eltern ihre einzige Tochter dann ausgerechnet an einen alten Eigenbrödler verheiraten, den sie nicht einmal persönlich kennenlernen wollen“, fügt er mit schneidender Stimme hinzu.
Meine Tante zuckt zusammen. „Ihre Eltern – sie wären gekommen – aber der Krieg -“, stottert sie.
„Der Krieg, so“, erwidert der Graf kalt. „Der Krieg ist hunderte Meilen von uns entfernt, wie Ihr sehr wohl wisst. Ich bin sicher, es gibt einen anderen Grund.“
Ich blicke erschrocken von der Tante zum Grafen und wieder zurück. Ein Gedanke schleicht sich in meinen Kopf – was, wenn der Graf mich nicht will? Was, wenn er weiß, was mir fehlt? Mich zurückschickt? Ich weiß nur zu genau, dass ich nicht mehr nach Hause zurückkann. Was soll aus mir werden?
„Ich – sie – nein, es ist alles in Ordnung mit ihr…“ versichert die Tante hastig. Sie ist sehr bleich geworden. Ihre Angst ist deutlich zu spüren.
„Ist sie das?“ fragt der Graf lauernd und blickt mich wieder prüfend an. „Ihr habt mir nichts zu verheimlichen? Wie zum Beispiel ein Techtelmechtel mit einem Jungen aus eurem Dorf? Oder gar eine daraus resultierende Schwangerschaft?“
Das sind wirklich unerhörte Vorwürfe, die der Graf da erhebt. Ich starre auf die Tischkante. Ich habe niemals…. In dem Moment fällt mir der junge Mann von vor einigen Wochen wieder ein. Er hat mich geküsst…. Doch das war nur ein Traum. Ein Traum kann mich nicht schwanger zurückgelassen haben…
„Ich mache dem Mädchen keinen Vorwurf“, fährt der Graf vor. Doch seine Stimme ist weiterhin kalt. „Wir waren alle jung… Ich möchte eben nur gerne wissen, warum ihre Eltern das Mädchen so unbedingt loswerden wollen.“
Ich merke, wie er mich anstarrt, traue mich aber nicht, seinen Blick zu erwidern.
„Sie – ist nicht schwanger“, ruft die Tante erschrocken aus. „Gott bewahre.“ Dabei bekreuzigt sie sich.
Ihre Geste tut so unglaublich weh. Ich zucke darunter zusammen wie bei einem Dolchstoß und stoße dabei das Weinglas um. Die dunkelrote Flüssigkeit ergießt sich über das Tischtuch wie eine Welle von warmen Blut. Alles verschwimmt um mich herum.
Die kalten Hände des Grafen reißen mich aus meiner Benommenheit. Er hat mich gepackt. Sein Gesicht ist nah dem meinen. Er sieht mir in die Augen. Dann zieht er meine Bluse ein Stück nach unten und begutachtet meinen Hals. Er ist mir so nah… Wie der junge Mann damals… Der Graf lässt mich los. Plötzlich strahlt er eine unglaubliche Wut aus.
„Ihr wisst, was sie ist“, schleudert er der Tante entgegen. „Wieso habt Ihr sie hergebracht?“
Die Tante ist kreidebleich geworden. „Ich – wir – da waren Gerüchte – dass es hier im Norden andere gibt wie sie… Dass Ihr wisst, was zu tun ist….“
„Wenn ihr wisst, was sie ist, wisst ihr auch, was zu tun ist“, donnert der Graf. „Das beste Mittel ist ein Holzpflock in ihrem Herz.“
„Ihre Eltern – sie wollten nicht. Der Arzt und ich – wir haben sie angefleht. Doch sie konnten es nicht über sich bringen.“ Ich erinnere mich an meinen Vater, wie er den Holzpflock in der Hand hält…. „Und da haben sie beschlossen, sie wegzuschicken. Wir dachten, vielleicht…. Im Norden…“
„Ihr wolltet einen Skandal vermeiden. Und die Verantwortung von euch schieben. Was, wenn sie unterwegs jemanden angefallen hätte?“
„Sie wurde erst vor ein paar Wochen infiziert. Sie tut es nur nachts. Und wir hatten es unter Kontrolle.“
„Was habt ihr dem Mädchen gegeben? Die Kinder der Dienstboten?“
„Wir – haben ihr in der Nacht Schweine in die Kammer getrieben. Und sie eingesperrt.“
„Und sie hat also nie einen Menschen getötet?“
„Nein -“
„Lügt mich nicht an!“ donnert der Graf.
Die Tante wird noch bleicher. „In der ersten Nacht… ist sie entkommen… Sie hat einen Schäferjungen erwischt, der im Hof geschlafen hat.“
„Ach. Und? Hat sie ihn ausgesaugt?“
„Nicht komplett. Er hat noch gelebt…“
„Und was habt ihr getan?“
Die Tante schweigt und sieht auf ihre Hände.
„Ein Holzpflock für den Jungen, war es nicht so? Aber die Tochter schickt ihr in den Norden. Und gefährdet damit euch und alle um euch herum.“
„Aber – was ist denn nun los mit mir?“ frage ich verstört in die Stille hinein. Ich weiß, dass ich schweigen soll, doch ich muss wissen, was aus mir geworden ist. Ich ahne, es muss irgend etwas Schreckliches sein.
„Was du bist?“ Der Graf schenkt mir einer seiner kalten Blicke. „Du trinkst das Blut von Menschen. Und Tieren.“
Es trifft mich wie ein Schlag. Ich kann es nicht begreifen – will es nicht begreifen – doch eigentlich wusste ich es längst.
„Ich – bitte ich euch, es zu Ende zu führen“, ergreift die Tante wieder das Wort. „Tötet sie.“
In dem Moment spüre ich den roten Nebel. Langsam steigt er in mir auf, unerbittlich ergreift er Besitz von mir. Doch diesmal wehre ich mich nicht dagegen. Denn in diesem Moment kehren die Erinnerungen zurück, die ich verdrängt haben muss. Ich erinnere mich wieder an den jungen Mann, der in jener Nacht zu mir gekommen ist und das Nachthemd von meiner Schulter gestreift hat – erst um mich zu küssen, und dann… Ich erinnere mich an die Ferkel, die ich ausgesaugt habe – und an den Schäferjungen. Und ich muss erkennen, dass ich ein Monster geworden bin.
Die Welt um mich herum scheint sich zu verändern, alles wird klarer und deutlicher. Ich rieche Dinge, von denen ich nicht wusste, dass ich sie riechen kann. Die feuchten Steine der Burgmauern. Den muffigen Geruch der Wandteppiche. Den verschütteten Wein auf dem Tisch. Das Hühnchen im Tontopf. Das Blut in der Halsschlagader meiner Tante…
Ich darf das nicht, denke ich. Sie ist die Schwester meines Vaters, sie ist kinderlos und Witwe und tut nur, was ihre Pflicht ist. Ich mag sie nicht so unbedingt gerne, aber ich darf sie nicht töten. Ich muss mich zurückhalten. Ich…
Doch ihr Blut ist süßer. Ich springe auf, packe meine Tante, reiße ihr das Kleid von der Schulter. Ich bin stark, ich wusste nicht, dass ich so stark sein kann. Ich werfe meine Tante auf den Tisch – mitten zwischen gefüllte Hühnchen, Rinderrollen und gebackene Forellen. Ich schlage meine Zähne in ihren Hals. Ihr rotes warmes Blut rinnt meine Kehle herunter.
Als der Bann mich endlich freigibt, schrecke ich zurück. Die Augen der Tante sind aufgerissen und leer. Der rote Nebel ist verschwunden. Ich blicke an mir herunter. Mein Kleid ist voller Blut und Bratensauce. Unendliches Grauen erfasst mich – vor dem was ich getan habe, vor dem was ich geworden bin. Mein Blick irrt durch den Raum – und fällt auf den Grafen.
Er steht ruhig und unbeteiligt neben dem Tisch und mustert mich aufmerksam.
„Ich kann das nicht“, sage ich leise. „Ich kann das nicht ertragen. Ich – habe sie getötet. Ich habe meine eigene Tante getötet. Und – ich kann nicht damit aufhören. Ich bin ein Monster. Bitte – tut, was getan werden muss.“
„Das werde ich“, sagt der Graf und kommt langsam auf mich zu. Ich bleibe stehen. Ich habe Angst vor dem, was er jetzt tun wird. Doch ich weiß, es gibt keine andere Möglichkeit.
„Du bist stark“, sagt der Graf. „Du hast lange dagegen gekämpft, nicht wahr?“
„Ich… habe es versucht“, flüstere ich.
Der Graf steht direkt vor mir und blickt mir in die Augen. „Du kannst nicht dagegen gewinnen“, sagt er sanft. „Ich weiß das, weil meine Schwester…“
Er verstummt und blickt auf mich herunter. In seinen Augen liegt eine Mischung aus Traurigkeit, Sehnsucht und Mitleid. Er hebt mein Kinn, legt einen Arm um mich, zieht mich an sich heran  und drückt seine Lippen sanft auf die meinen. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wie der erste Galopp auf einem Pferd, wie ein sehnlichst erwartetes Geschenk, von dem ich nicht wusste, dass ich es mir gewünscht habe.
Ich weiß nicht, wie lange wir so stehen und bin fast enttäuscht, als er mich schließlich wieder loslässt.
„Ich war so lange einsam“, sagt er leise. „Nach dem Tod meiner Schwester habe ich mich hierher zurückgezogen. Dabei habe ich mir die ganze Zeit so sehr eine Braut wie du gewünscht. Aber jetzt weiß ich, dass manche Wünsche besser nicht in Erfüllung gehen sollten.“
Das letzte, was ich spüre, ist der Holzpflock, den er mir ins Herz bohrt.

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