Nizar Qabbani

Nizar Qabbani – Biographie und ausgewählte Gedichte

Der syrische Dichter Nizar Qabbani gehört wie Badr Shakir as-Syyab, Mahmoud Darwisch und Adonis zu den bekanntesten und wichtigsten modernen arabischen Dichtern. Nizar Qabbani ist besonders bekannt für seine Liebesdichtung, aber auch für seine politischen Werke.

Biographie von Nizar Qabbani

Kindheit und Jugend

Nizar Qabbani wurde am 23. März 1923 in Damaskus, Syrien, in einer mittelständischen Familie geboren. Er hatte eine Schwester, Haifa, sowie drei Brüder. Nizar Qabbani’s Vater, Tawfiq besaß eine Schokoladenfabrik. Während des französischen Mandates über Syrien unterstützte er die syrische Widerstandsbewegung und wurde oft für seine Anschauungen ins Gefängnis gesperrt. Durch seine revolutionistischen Aktivitäten übte er einen großen Einfluss auf seinen Sohn aus. Zwischen 1930 und 1941 ging Qabbani auf die syrische Wissenschaftsschule in Damaskus. Als er 15 Jahre alt war, beging seine 25-jährige Schwester Sebstmord, weil sie ihre große Liebe nicht heiraten konnte. Während der Beerdigung formte sich in ihm der Wille, die sozialen Misstände zu bekämpfen, die zum Tod seiner Schwester geführt hatten.

Der Beginn der Dichtung

Später studierte er Jura an der Syrischen Universität (heute: Damaskus–Universität). 1945 erwarb er dort seinen Bachelor-Abschluss. In dieser Zeit verfasste er sein erstes Gedicht „Die Brünette hat mir erzählt“ (1945). Diese Sammlung romantischer Verse schockte das konversative Damaskus durch die Bezüge auf den weiblichen Körper. Dem Erziehungsminister Munir al-Ajlani, ein Freund seines Vaters und nationalistischer Führer in Syrien, gefiel das Gedicht allerdings – er schrieb später auch das Vorwort für das erste Buch des syrischen Dichters, Kindheit einer Brust, das 1947 veröffentlicht wurde. Themen waren unter anderem Erotik und Homosexualität.

Nach seinem Universitätsabschluss arbeitete Qabbani für das syrische Außenministerium als Konsul in Städten wie Beirut, Kairo, Madrid, London. 1959 war er unter der Vereinigten Arabischen Republik (ein Zusammschluss von Syrien und Ägypten) Vizesekretär der Botschaften in China. Dort war er sehr produktiv und seine Werke aus dieser Zeit zählen zu den besten. Aus dieser Zeit werden ihm auch zahlreiche Liebschaften nachgesagt.

1966 legte er seine Ämter nieder. In der Zwischenzeit hatte er in Beirut ein Verlagshaus gegründet. Er schrieb weitere Gedichte, in denen er soziale Missstände anprangerte. Besonders die Stellung der arabischen Frau kritisierte er wiederholt. Dies lässt sich auch auf den Selbstmord seine Schwester zurückführen.

Auf die Frage, ob er ein Revolutionär sein, antwortete Qabbani: „Die Liebe ist in der arabischen Welt eine Gefangene, die ich befreien möchte. Ich möchte die arabische Seele, das Gefühl und den Körper mit meiner Dichtung befreien. Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft sind nicht richtig/gesund.“ Nizar war einer der feministischsten und progessivsten Intellektuellen seiner Zeit.

 Politische Dichtung

Die Niederlage 1967 stellte einen Wendepunkt in seiner Poesie dar. Vorher hatte er kaum politische Gedichte verfasst. In Randbemerkungen zum Tagebuch der Niederlage kritisiert er sehr stark die arabischer Unterlegenheit. Die rechten und linken Gruppierungen des arabischen Dialogs waren danach verärgert. Qabbani kritisierte die arabischen Herrscher, dass sie den Arabern keine Chance gegeben hatten, sich frei zu äußern und spontan in einer freien Gesellschaft zu handeln.

Manche Kritiker warfen Qabbani vor, dass ein Liebesdichter keine politischen Gedichte schreiben kann. Außerdem habe er die neue Generation und ihre Moral verdorben. Er erfreue sich an der Niederlage der Araber und zerstöre jegliche Hoffnung, die noch existiere. Damit helfe er dem Feind, der die Araber in kompletter Verzweiflung sehen wolle. Die Ägypter verboten ihm sogar die Einreise, was Nizar durch einen Brief an Präsident Nasser jedoch wieder rückgängig machen konnte.

Aufgrund der Zensur der Presse war es Qabbani nicht möglich, alle Missstände oder gar das Regime öffentlich anzuklagen. Im Gedicht „Der Sultan“ beschuldigt er die arabischen Herrscher an, Schuld an den militärischen Niederlagen zu sein, dem Volk nicht erlaubt wird, sich frei zu äußern. Doch obwohl er sich oft kritisch äußerte, hat er nie das syrische Regime von Hafiz al-Asad (1971-2000) kritisiert. Dieser ließ zu, dass Qabbani als Nationalheld verehrt wurde.

Die Tragödie um Balqis

Qabbani heiratete zweimal – zuerst seine Cousine Zahra, mit der er eine Tochter und einen Sohn hatte. Der Sohn starb mit 17 an einem Herzinfarkt.

Später heiratete er die Iraqerin Balqis ar-Rawi. Zusammen hatten sie einen Sohn, Omar, und eine Tochter, Zeinab. Balqis kam 1982 im libanesischen Bürgerkrieg in einer Autobombenattacke auf die irakische Botschaft ums Leben. Der Dichter litt sehr unter dem Tod seiner geliebten Frau. Er drückte seine Frustration im Gedicht Balqis aus, in dem er die ganze arabische Welt für ihren Tod verantwortlich macht.

Qabbani fühlte sich nach diesem schweren Schicksalsschlag in Beirut nicht mehr wohl. Er lebte fortan in Europa und pendelte zwischen Paris und Genf. Schließlich ließ er sich in London nieder, wo er die letzten 15 Jahre seines Lebens verbrachte. Seine Dichtung konzentrierte sich jetzt mehr auf politische Themen. Besonders von Bedeutung war dabei der libanesische Bürgerkrieg, dem er zahlreiche Gedichte widmete, zum Beispiel das von Majida ar-Roumy auch gesungene Ya Beirut, ya sitt ad-dunya. Die libanesische Hauptstadt ist oft Schauplatz in seinem Werk. Genauso handeln sie aber auch von Damaskus, Baghdad und Jerusalem.

Außerdem beschrieb er sehr oft den Palästinenserkonflikt. In zahlreichen Gedichten kritisiert er stark das Vorgehen Israels und Amerikas im Nahen Osten. 1997 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand. Am 30.4.1998 starb er. Auf seinen Wunsch hin wurde er in Damaskus begraben. Die ganze arabische Welt trauerte um ihn.

Werk

Qabani hat 34 Poesiebände veröffentlicht sowie regelmäßig Artikel in der Zeitung al-Hayat. Außerdem verfasste er einige Prosawerke geschrieben, wie Meine Geschichte mit der Poesie, Was Poesie ist, Worte kennen Ärger, Über Poesie, Sex und Revolution und Die Frau in meiner Poesie und in meinem Leben.

Schreibstil

Generationen von Arabern waren von seinen sinnlichen und romantischen Versen begeistert. Dies verdankt er nicht zuletzt seinem Schreibstil. Qabbani benutzte Alltagssprache, sodass seine Dichtung von allen Gesellschaftsschichten verstanden wurde und zum Teil auch eine sehr drastische Ausdrucksweise.

Immer wieder finden sich Anspielungen auf arabische Helden, zum Beispiel ‚Antarah Ibn Shaddād al-‚Absī, ein arabischer Held aus dem 6. Jahrhundert, der für seine Dichtkunst bekannt war.

Auch benutzt er große Namen aus der Prophetentradition und aus der Geschichte wie Usama ibn Munqidh, ‚Omar* und Hamza**
oder Mu’tasim Billah (Gedicht „Ich bin für Terrorismus“).

* ‚Omar: dritter rechtgeleiteter Kalif (Herrschaft von 632-46)
**Hamza: Onkel von Mohammed, einer der ersten Muslims (um 600)
***Mu’tasim Billah: Abbassidenkalif (*794,+842), Sohn von Harun ar-Raschid.

In manchen seiner politischen Gedichte stellt er auch das Christentum und den Islam auf eine Stufe.

Reim

Qabbanis Schreibstil unterscheidet sich stark von der traditionellen Dichtkunst. Traditionelle Gedichte haben eine feste Struktur, was sowohl die äußere Form als auch den Inhalt betrifft. Jeder Vers besteht aus zwei Teilen, es gibt ein fest vorgeschriebenes Metrum und im ganzen Gedicht eine einzige Reimendung. Allerdings reimt es sich im Arabischen auch leichter, da die Gleichheit des letzten Buchstabens schon als Reim gilt, unabhängig von der ganzen Silbe.

Im Deutschen reimen sich: Baum, Traum, Saum, Kaum….

Im Arabischen gelten auch Baum, Kamm, komm, dem, nimm, udgl. als echte Reimpaare.

Im 20. Jahrhundert begannen Dichter wie der irakische Poet Badr Shakir as-Sayyab, die feste Form aufzulockern. Sie benutzten noch immer ein festgelegtes Metrum, allerdings unterschiedlich lange Verse unterschiedlich. Die Endkonsonanten reimen sich noch, aber nicht mehr durchgehend

Kritik

Kritiker werfen ihm vor, dass er nicht konsequent die alten Pfade der Tradition verlässt. So benutzt er sehr unpersönliche Wendungen, wenn er seine Geliebte beschreibt – was der Tradition entspricht, in der die Frau geschützt werden soll. Seine Sprache ist oft eine Mischung aus Hocharabisch und Umgangssprache.

Er benutzt öfter das lyrische Ich einer Frau, was für einen Mann in Gedichten sehr ungewöhnlich ist. Er tut es, um der Frau Gehör zu verschaffen. Für Qabbani war Liebe die treibende Kraft der Schöpfung. Und Liebe macht ihn kreativ. Er vernachlässigt, dass nicht alle Männer und Frauen jeder Generation dasselbe Sexualverständnis haben. Er schafft eine archätypische Frau.

Doch trotz allem gab Nizar Qabbani den Frauen eine Stimme. Er hat in der ganzen arabischen Welt Aufsehen erregt – im Guten wie im Schlechten. Bei Nizar gibt es aber vor allem idealtypische Frauen – sie sind fast alle sanft, romantisch, verletzlich, aber auch virtuos – pflichtbewusst – und lüstern. Als eine Ausnahme gilt die sarkastischen Dame aus dem Gedicht Der Kranz aus Jasmin.

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