Frauenfeindliche Hadithe

„Niemals wird das Volk zu Wohlstand gelangen, dass seine Geschäfte einer Frau anvertraut!“

Dieser frauenfeindliche Satz ist ein Hadith, ein Bericht über einen Ausspruch des  Propheten Mohammed. Frauen wird darin die Geschäftstüchtigkeit abgesprochen – ein hervorragendes Argument für alle Konservativen, die keine Gleichberechtigung der Frauen wollen.

Was steckt jedoch hinter diesem Hadith?

Der Hadith wurde nicht zu Mohammeds Lebzeiten notiert, sondern viel später. Aischa, die Lieblingsfrau von Mohammed, war nach seinem Tod politisch aktiv. Als der Schwiegersohn Mohammeds, Ali, als vierter Rechtgeleiteter Kalif im Jahr 651 an die Macht kam, war Aischa nicht damit zufrieden – sie hielt ihn für schuldig am Tod seines Vorgängers. Sie bat die Stadt Basra und einen muslimischen Anführer, Abu Bakr (nicht ihr Vater!) um Unterstützung.
Dieser Abu Bakr jedoch sagte: „Zwar seid Ihr unsere Mutter der gläubigen Muslims, zwar könnt ihr als solche über uns verfügen, aber ich habe den Propheten sagen hören: Niemals wird das Volk zu Wohlstand gelangen, dass seine Geschäfte einer Frau anvertraut!“
Diese Überlieferung stammt jedoch nur von Abu Bakr; es gibt keine Zeitzeugen aus der Zeit von Mohammed.

Abu Bakrs falsches Zeugnis

Tatsächlich waren schon bald nach dem Tod von Mohammed viele Hadithe im Umlauf. Um die Echtheit zu bestimmen, galten strenge Kriterien: nicht berücksichtigt wurden Hadithe von Menschen, die Mohammed nicht gekannt haben konnten oder bei denen dieÜberliefererkette nicht stimmt – und auch die angeblichen Berichte von Lügnern durften nicht berücksichtigt werden.
Abu Bakr war ein Lügner. Er hatte zusammen mit drei anderen Männern, einen bekannten Politiker der Unzucht, Zina, bezichtigt. Allerdings hatte einer der Männer zugegeben, nicht alles genau gesehen zu haben. Deswegen wurde die vier Männer wegen Falschaussage ausgepeitscht.

Abu Huraira und die falschen Hadithe

„Der Prophet hat gesagt, dass der Hund, der Esel und die Frau das Gebet unterbrechen, wenn sie vor dem Gäubigen vorbeigehen, denn sie stellen sich zwischen ihn und die Qibla.“

Qibla ist die Gebetsrichtung im Islam, die stets nach Mekka zur Kaaba zeigt. Nach dem Ausspruch von Abu Huraira lenken Frauen also wie unreine Tiere vom Gebet ab und machen es ungültig. Außerdem stellt der Hadith Frauen und Tiere auf eine Stufe. Der hadith könnte deswegen so interpretiert werden,  dass es zwischen der Frau und dem Göttlichen einen krassen Widerspruch geben muss.

Überliefert wurde der Vers von Abu Huraira, zu deutsch: Vater des kleinen Katzenweibchens. Sein ursprünglicher Name lautete Abd as-schams, Sklave der Sonne. Der Prophet Mohammed wollte ihm einen muslimischen Namen geben und nannte ihn Abd allah, mit Beinahme „Vater des kleinen Katzenweibchens“, weil er immer ein kleines Katzenweibchen mit ihm herumtrug, was er sehr liebte.
Abu Huraira war nicht glücklich über den Namen: „Nennt mich nicht Abu Huraira. Der Prophet gab mir den beinahmen Abu Harr (Vater des Katers), und das Männchen ist besser als das Weibchen.“
Er arbeitete übrigens keinen typischen Männerberuf, sondern diente dem Propheten „und legte manchmal mit der Hand an in den Gemächern seiner Frauen“.

Aussprüche von Abu Huraira

Von Abu Huraira sind neben dem oben genannten Hadith einige weitere Verse überliefert, die diesen – ähnlich wie Abu Bakr – in ein eher ungünstiges Licht stellen.

1. „Wir waren bei Aischa und Abu Huraira war bei uns. Aischa sagte zu ihm:  Vater des kleinen Katzenweibchens, hast du erzählt, dass du den Propheten hast sagen hören, dass eine Frau in die Hölle gefahren ist, weil sie ein Katzenweibchen hat verhungern lassen und ihm nichts zu trinken gegeben hat?“
„Ich habe diese Worte des Propheten gehört“, antwortete der  Vater des kleinen Katzenweibchens.
„Der Gläubige hat in den Augen Gottes einen zu großen Wert“, gab Aischa zurück, „als dass dieser ihn quälen könnte wegen eines Katzenweibchens (…)  Vater des kleinen Katzenweibchens, das nächste Mal, wenn du versuchst, die Worte des Propheten zu wiederholen, dann achte auf das, was du erzählst.“

2.„Du erzählst“, sagte Aischa zu Abu Huraira, „Hadithe, die du nie gehört hast!“ Er gab schneidend zurück: „Oh Mutter, ich war nur auf der Suche nach Hadithen, du warst jedoch zu sehr mit dem Schminken und mit dem Spiegel beschäftigt!“

3. Man erzählte Aischa, dass Abu Huraira dabei sei zu verbreiten, dass der Gesandte Gottes gesagt habe: „Drei Dinge bringen Unglück, das Haus, die Frau und das Pferd.“
Aischa antwortete: „Abu Huraira hat offensichtlich seine Lektion schlecht gelernt. Er kam zu uns herein, als der Prophet mitten in einem Satz war. Er hat nur das Ende gehört. Der Prophet hatte gesagt: „Möge Allah die Juden bekämpfen, sie sagen: Drei Dinge bringen Unglück, das Haus, die Frau und das Pferd.“

Die Hadithe von Abu Huraira waren bereits im Mittelalter umstritten. Der Gelehrte Imam Zarkachi hat Mitte des 14. Jahrhunderts ein Buch über von Aischa überlieferte Hadithegeschrieben. Dabei thematisierte er in seinem Buch „Sammlungen der Korrekturen, die Aischa an den Zeugnissen der Schüler vorgenommen hat“ besonders Hadithe, die Aischa nicht als authentisch anerkannt hatte: .
Gibt einige Bücher, die sich ausschließlich mit Abu Huraira beschäftigen und sich uneins sind, ob seine Hadithe richtig sind oder nicht. Bukhari, dessen Sammlungen von Hadithen als besonders authentisch und als „sahih“ bezeichnet werde, berichtete selbst: „die Leute sagten, dass Abu Huraira zu viele Hadithe erzähle“.

Quelle: Fatema Mernissi: Der politische Harem – Mohammed und die Frauen

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